Kaum ein Spiel heutzutage schreit so sehr nach einer Verfilmung wie Horizon Zero Dawn. Ebenso schreit der jüngste Hypetitel aus dem Sony-eigenen Studio Guerilla Games seine offensichtlichen Wurzeln lauter heraus als die Konkurrenz. Der einzige Unterschied liegt hier darin, dass Horizon Zero Dawn sich nicht schamlos bedient, sondern die Vorbilder sorgfältig seziert und die Essenz sinnvoll ins Spielgeschehen verbaut.

So bekommt der Spieler in dem PlayStation4-exklusiven Spiel die offene Welt und die Detailverliebtheit eines The Witcher 3 serviert. Das Fokussystem und die Klettereinlagen von Rise of the Tomb Raider und Uncharted wurden so lange aufpoliert, bis der Spieler große Augen macht ob der atemberaubenden Leichtigkeit, mit der die Protagonistin hier Felswände erklimmt. Ein postapokalyptisches Setting, das mehr an Enslaved – Odyssey to the West als an The Last of Us erinnert, zieht den Spieler ab Sekunde eins in seinen Bann. Actiongeladene Schleicheinlagen, die Fans der Assassin’s Creed-Reihe neidisch ihre Taschentücher zücken lassen. Das ist Horizon Zero Dawn. Aber es ist noch viel mehr als nur ein Spiel.

Metallmonster statt Handtaschenhunde

Aloy ist eine Ausgestoßene. Was das bedeutet, erfahre ich erst viel später. Ich habe nämlich überhaupt keine Ahnung von der Welt, in der ich mich befinde. Denn rund 1000 Jahre nach dem Zusammenbruch der modernen Zivilisation herrschen auf der Erde andere Zustände. Statt Wolkenkratzern erblicke ich zunächst nur Holzhütten. Statt Smartphone und Sneaker tragen die Menschen Tierfelle und archaische Waffen. Statt Autobahnen sieht man hier karge Wüsten oder grasbedeckte Hügel. Statt einer atmenden Fauna schreiten riesige Maschinenwesen durch die Wälder. Statt alter Geschäftsmänner im Anzug herrscht in Horizon Zero Dawn ein Matriarchat. Und genau hier liegt der willkommene Twist in der Story, die uns das niederländische Studio hier kredenzt. Alles, was wir kennen wir über den Haufen geworfen und in die rudimentärste Form geworfen. Der tägliche Kampf ums Überleben in einer verzerrten Realität. Nicht nur die Protagonistin Aloy, sondern auch der Spieler müssen lernen, was es heißt, hier zu leben. Denn Aloy wird aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen, als sie versucht herauszufinden, wer ihre Mutter ist, und warum die Bevölkerung sie derart verabscheut. Aloy muss Strukturen verstehen, Jagdtaktiken entwickeln, sich selbst beibringen, in diesem ihr unbekannten Teil der Welt zurechtzukommen.

Die Vergänglichkeit ständig vor Augen

Etwas wehleidig betrachte ich die Ruinen, die Aloy auf ihrer Reise erforscht. Zerfallene Backsteinkonstruktionen, moosbewachsene Metalltrümmer, eingestürzte unterirdische Gänge, die daran erinnern, was hier früher einmal gestanden haben muss. Gleichzeitig hallt hier ständig die Erinnerung wider, dass selbst mit fortschrittlichster Technologie und den strahlendsten Lichtern, irgendwann die Zeit eines Jeden kommen wird. In einer dieser Höhlen findet Aloy zu Beginn des Spiels einen sogenannten „Fokus“. Dieses kleine Gerät, welches die Hautfigur von nun an stets hinter ihrem Ohr trägt, ist ein cleveres Mittel, diesen Fakt noch zu unterstreichen. Nicht nur stellt der Fokus ein wichtiges Gameplayelement dar, das dem Spieler ermöglicht, verborgene Informationen und Übersetzungen der Symbolsprache zu erlangen, er ist auch das Spielelement, das die Story vorantreibt. Denn nach und nach entwirrt Aloy dank ihres Fokus, der in der Bevölkerung als heidnisch gilt, eine Verschwörung. Hierbei werden auf clevere Art und Weise Verbindungen zur längst vergangenen Zeit gesponnen und Echos von Einzelschicksalen abgefangen. Und spätestens hier schreit meine innere Neugier auf, denn ich möchte – genau wie Aloy – wissen, was geschehen ist. Mich interessiert die aktuell aufgedeckte Gefahr fast weniger als der Grund, warum „unsere“ Zivilisation zu Grunde ging. Warum die technologische Gesellschaft seit 1000 Jahren ausgestorben ist. Warum eine Jägerin mit Pfeil und Bogen durch die Überreste einer Hochkultur schleicht. Denn selbstverständlich hat das „Zero Dawn“ im Spielenamen eine Bedeutung…

Dabei spielt die unglaubliche Grafik von Horizon Zero Dawn eine nicht unmaßgebliche Rolle. Dank der Exklusivität für die PlayStation 4 konnten sich Guerilla Games ganz auf die Optimierung für ihre Plattform konzentrieren. Vollkommen ruckelfrei bewegt sich Aloy durch eine atemberaubend schöne Welt. Und an dieser Stelle werde ich erstmalig wehleidig, keine PlayStation Pro zu besitzen. Oder einen 4K-TV, wenn wir schon dabei sind. Aber schon auf normalen Bildschirmen, mit der normalen PS4, ist Horizon Zero Dawn einfach atemberaubend schön. Pastellfarbene Sonnenuntergänge, Gras, das sich im Wind biegt, Hochnebel, der sich über die Berge legt,… Ich könnte stundenlang Momente aufzählen, in denen mir der Mund offen stand vor Erstaunen. Was die Niederländer hier aus der Konsole kitzeln ist mit das schönste, was jemals aus einer PlayStation purzelte.

Mit den Augen eines Aspergers

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Schleichspiele machen mich immer sehr nervös. Ein falscher Schritt und man segnet das Zeitliche. Dies ist die Art Nervenkitzel, die ich in Videospielen überhaupt nicht gebrauchen kann. Ich mag es lieber, wenn mir die Optionen offen stehen, wenn ich mich für einen Weg entscheiden kann. Meist ist dieser Weg dann der, der direkt durch die Wand geht. Das dickste Gewehr, Granaten und möglichst weit außerhalb bleiben während drinnen alles in die Luft fliegt.

Horizon Zero Dawn bietet mir eine gute Mischung daraus. Zwar wird hier großer Wert darauf gelegt, dass ich das hohe Gras nutze, um mich an meine Beute heranzuschleichen, ich kann aber entscheiden, welchen Gegner ich an mich heranlocke und lautlos aus dem Verkehr ziehe. So bin ich nicht überfordert mit einer Vielzahl an Einheiten, die plötzlich um mich herumstehen und mich rubbeldiekatz umbringen. Und falls ich mir hier doch mal einen Fehltritt erlaube, kann ich immer noch mit Pfeil und Bogen oder meinem Speer einen Bösewicht nach dem anderen in kleine Metallstückchen hauen.

Das reduziert den Stress enorm und lässt mich etwas entspannter die wirklich tolle Welt erkunden. Diese ist gefüllt mit Details, die mich leider zum Teil etwas ablenken. Auch die vielen Collectibles und Nebenaufgaben lenken mich zu oft von meinem Hauptziel ab. So benötige ich nicht die geschätzt 50 Stunden für 100%, sondern benötige wesentlich länger. Auch dadurch, dass ich immer Probleme habe, mich gewisse Gameplayelemente einzufinden und möglichst effektiv durch die Spielwelt zu kommen. Am Spielspaß an sich ändert dies allerdings nichts.

Man spricht Deutsch

Die Illusion einer perfekten Computerwelt wird leider von der deutschen Fassung total zerstört. Während im Englischen alles Lippensynchron ist und fähige Sprecher gekonnt schauspielern, wirkt Horizon Zero Dawn auf Deutsch fast wie ein Flickwerk der Inkompetenz. Man hat fast das Gefühl, als sei hier sprechertechnisch wieder tief in die YouTuberkiste gegriffen worden. Während die erträglichste deutsche Stimme tatsächlich noch die von Aloy ist, wobei hier auch oft Betonungen nicht sitzen oder die Aussprache hapert. Zudem fällt negativ auf, dass viele Sprecher ihre Stimme sehr stark verstellen und ernste Dialoge hier einfach nur noch lächerlich wirken. Im Englischen wurde hier nicht gespart, man hat für die Rolle der Aloy sogar Ashly Burch, deren Stimme man aus Borderlands 2, Awesomenauts, Saints Row, Life is Strange, Mortal Kombat X und Minecraft: Story Mode kennt, gewinnen können. Tut euch (mal wieder) selbst den Gefallen und spielt das Spiel auf Englisch. Dadurch ist allen geholfen, und vielleicht hilft das, Publishern klarzumachen, entweder hochwertige Sprecher zu wählen oder die deutsche Sprachausgabe gänzlich wegzulassen. Eine Mischung aus englischer Sprache und deutschen Untertiteln ist doch vollkommen akzeptabel. Das Budget für die schlechten Sprecher kann man sicherlich noch an anderer Stelle gebrauchen.

Dabei ist Horizon Zero Dawn die teuerste Medienproduktion, die jemals in den Niederlanden produziert wurde. Man spricht hier von rund 47 Millionen US-Dollar, das ist sogar mehr, als The Last Guardian geschluckt hat. Das 150-Köpfige Team von Guerilla, die man bisher eigentlich nur von der Killzone-Reihe kannte, sollte dieses Budget bisher aber schon locker wieder eingespielt haben, denn der Titel ist ein voller Erfolg. Was die Exklusivtitel angeht, dominiert die PS4 momentan den Markt. Nicht nur Horizon Zero Dawn, sondern auch Spiele wie Uncharted 4, The Last Guardian und die PS VR-Hardware sind echte System-Seller.

Fazit

Ich kann Horizon Zero Dawn ausnahmslos jedem empfehlen, der auch nur annähernd eine gute Geschichte, tolle Grafik, flüssiges Gameplay und eine starke weibliche Hauptfigur zu schätzen weiß. Allerdings sollte man beachten, dass das Spiel sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und den Käufer sehr lange aus seinem sozialen Umfeld herausziehen kann. Wer damit leben kann, kann hier sogar zum Releasepreis bedenkenlos zugreifen, denn selbst die 60 – 65 Euro lohnen sich absolut. Das absolute Killerfeature des Spiels ist der Fotomodus, dazu werde ich aber in Bälde noch einen eigenen Post mit massig Screenshots posten.

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Horizon Zero Dawn was last modified: März 13th, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.