Ich war ja nie ein großer Hitman-Fan. Das liegt vielleicht daran, dass Schleichspiele meine absolute Nemesis sind. Selbst Assassin’s Creed reduziert jährlich die Elemente, in denen man geräuschlos gegnerische Scherge passieren muss, und schraubt die actiongeladenen Passagen hoch. Dennoch habe ich mich entschlossen, dem neuen Geduldsspiel um Agent 47 eine Chance zu geben. Immerhin überzeugte bereits Hitman Absolution durch viele witzige Einlagen. Außerdem hatte ich bereits die Hitman-Beta gespielt und war vom jüngsten Ableger der Serie durchaus angetan.

Seit besagter Beta hat sich viel getan. Das Ruckeln während der Videosequenzen, weil das Spiel laden muss, ist verschwunden, und auch sonst spielen sich die Missionen wesentlich flüssiger, was daran liegen mag, dass ich mich etwas intensiver an die Hand genommen und nicht so alleine gelassen fühle, wie noch im Beta-Test.

Die episodische Veröffentlichungsweise von Hitman erlaubt es mir, bis zum Release der nächsten Episode, lediglich drei Missionen zu spielen. Zwei davon kenne ich bereits aus der Beta. Diese dienen dazu, dem Spieler das Gameplay und die allgemeine Steuerung beizubringen. Hier wird auch erklärt, dass man jedwede Mission auf viele verschiedene Arten erledigen kann, was Hitman letztlich zu einem großen Spielplatz für Experimentierfreudige macht. Das Ziel bleibt dabei immer gleich: Töte Person X, egal wie. In den Trainingsmissionen hat man so die Möglichkeit, in verschiedenste Verkleidungen zu schlüpfen, mannigfaltige Waffenarten und Gifte einzusetzen und kann auch seine Flucht variabel planen, so dass jeder Durchgang anders gestaltet werden kann.

Hat man genug vm Üben, geht es an die erste „richtige“ Mission, die auf einer Modenschau in Paris spielt. Hier gilt es, in eine Villa einzudringen und zwei Zielpersonen auszuschalten. Ich bin etwas aufgeregt, weil ich nun auf „richtige“ Menschen losgelassen werde, die nicht wissen, dass gerade ein völlig unfähiger Hitman durch das Gebäude schleicht und von einer Verkleidung in die nächste schlüpft. Meinen ersten Durchgang gestalte ich relativ langweilig: Ich verkleide mich als Leibwächter und schubse meine erste Zielperson in die Seine (der französische Fluss, ihr Banausen!). Das war ziemlich einfach. Den zweiten Teil der Mission dilettiere ich einfach nur noch rum, weil ich keine Ahnung habe, wie ich an mein zweites Ziel kommen soll, welches sich im obersten Geschoss des Hauses befindet. Also schlage ich eine Person nach der anderen K.O., klaue die jeweiligen Klamotten und versuche irgendwie, an den Wachen vorbeizukommen, die den letzten Aufgang bewachen. Um es kurz zu machen: Ich habe es erstaunlicher Weise geschafft, die junge Dame, deren Tod ich herbeiführen sollte, ins Jenseits und (um die Leiche zu verstecken) in einen Schrank zu verfrachten. Alles verkleidet als glatzköpfiges Supermodel. Mit dem Puls auf ungefähr 350 gehe ich im Schneckentempo aus der Villa, steige in einen Hubschrauber und darf einen Haken an die erste Episode von Hitman machen.

Das ist zu viel für meine Nerven, aber Spaß hat es gemacht. Meine nächsten Spieldurchgänge fordern mein ganzes kriminelles Genie, da die weiteren Tötungsarten wirklich der Wahnsinn sind. Beispielsweise soll ich beide Ziele töten, indem ich die erste Person auf die zweite schubse. Herrlich. Das ist fast noch besser, als mein Opfer aus der Trainingsmission, welches durch den Schleudersitz eines stehenden Kampfjets in luftige Höhen geschossen wurde. Die Kreativität, mit der hier Menschen beseitigt werden können, lässt mich vor IO Interactive, die hier verantwortlich für die Entwicklung waren (unter der Fuchtel von Square Enix als Publisher), den imaginären Hut ziehen. Große Klasse.

Leider war es das auch schon. So sehr man sich hier aus austoben darf, geht es immer nur um das Eine: „Schalte Person X aus, und werde dabei nicht entdeckt.“ Das ist etwas wenig Inhalt, um langfristig Spaß zu machen, auch wenn das Adrenalin bis zur Decke steigt. Ich bin gespannt, was die kommenden Episoden, die etwa in monatlichem Abstand nachgereicht werden, zusätzlich zu bieten haben, für den Anfang ist das aber alles schon gar nicht schlecht. Besonders, wenn man den Preis beachtet: Ca. 15 Euro zieht Episode 1 aus der Geldbörse, alle weiteren kosten dann ca zehn Euro. Im Komplettpaket bezahlt man dann ca. den Preis eines normalen AAA-Games. Für Menschen die gerne die Disc im Regal stehen haben, erscheint der Titel dann Ende des Jahres auch als Disc-Version.

Grafisch ist Hitman absolut „okay“. Keine Offenbarung, aber auch kein totales Klötzchenfest. Immerhin läuft das Teil auf meiner PS4 in konstanter Framerate, sogar, wenn viele NPCs auf einmal dargestellt werden. Das Besondere hier sind die Details, mit denen die Entwickler die sonst sehr ernste Stimmung etwas auflockern; So findet man beispielsweise im Bauch der geschreinerten Yacht, die als Trainingsumgebung der ersten Mission herhalten muss, den IKEA-Bauplan für selbige.

Das Gute an der etwas unorthodoxen Relasemethode eines AAA-Titels ist, dass man das Spiel so ganz einfach antesten kann, ohne direkt 60 (oder mehr) Euro für einen Titel ausgibt, der einem überhaupt nicht gefällt. Und solange man Spaß daran hat, kann man ja einfach Episode für Episode dazukaufen. Das ist in Zeiten von Spielen, die total verbuggt sind, oder auf andere Art und Weise nicht das halten, was sie versprechen, mehr als fair. Auch hier ziehe ich meinen Hut. Ob dies jetzt aber der wirklich Grund für die episodische Erscheinungsweise ist, und nicht etwa, dass das Spiel noch gar nicht fertig ist, lasse ich mal so im Raus stehen. So ist aber sichergestellt, dass das Spiel zumindest zu einem höheren Prozentsatz funktioniert, als das übliche Gekröse inklusive 30-GB-Day-0-Patch. Und das finde ich gut.

Wer Hitman sowieso liebt, kann hier bedenkenlos zugreifen. Wer das mal austesten möchte, hat jetzt endlich mal eine legale und legitime Methode dies zu tun. Auch als Konsolenspieler, wo Demos ja mittlerweile ein rares Gut sind. Aber falls ihr mal vor der Wahl stehen solltet, entweder das Spiel zu kaufen oder den neuen Hitman-Film zu schauen: Kauft das Spiel. Der Film ist Rotz.

Übrigens: Wer noch vergeblich das Rattengift auf dem Pariser Anwesen sucht, der sollte mal bei Minkitink vorbeischauen. Die junge Dame hat anschaulich erklärt, wo man das kostbare Gut auftreiben kann.

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Hitman: Paris was last modified: März 26th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.