(Dieser Text beinhaltet leichte Spoiler zum Ausgang des Spiels)

Als Heavy Rain im Jahre 2010 exklusiv auf der PlayStation 3 veröffentlicht wurde, musste ich das Ding unbedingt spielen. Aber wie hier mittlerweile wohl jeder weiß, war ich nie im Besitz dieser Konsole. Eine Schande, ich weiß. Grund genug für Joe aus dem Jahre 2010, in die Videothek zu gehen, und sich für sehr viel Geld das Spiel inklusive PS3 auszuleihen und in Rekordzeit durchzuspielen. Meine Erinnerung lässt mich mit Wohlwollen an den interaktiven Film zurückdenken – Umso besser also, das ein weiteres NextGen-Remake den Weg auf die PS4 findet, so dass ich, ganz ohne in die Videothek zu müssen, die hollywoodreife Mörderhatz erneut erleben kann.

Nachdem das etwas schwachbrüstige PlayStation Network den circa 37 Gigabyte großen Download auf meine PS4 geschaufelt hat, darf ich dann zwei Tage später loslegen. Das PSN ist echt kacke, meine Fresse.

Als ich das Spiel starte, habe ich eine ähnliche Erfahrung, wie die, die ich damals mit dem HD-Remake von Tony Hawk’s Pro Skater machen musste: Irgendwie will die Begeisterung von damals nicht zünden. Das mag daran liegen, dass ich zwischen 2010 und heute gefühlt 16 Millionen Spiele gespielt habe. Oder daran, dass das Grundkonzept, das Heavy Rain damals revolutionierte, mittlerweile einen langen Weg gegangen ist. Der „interaktive Film“ war nie viel mehr als stupides Knöpfchendrücken, sobald man dazu aufgefordert wird; Heavy Rain allerdings setzt dem Ganzen die Krone auf. Nebst einer mittelmäßigen Story, muss der Spieler hier die dümmsten Aufgaben erledigen, die selbst im realen Leben zu banal sind, um überhaupt darüber zu sprechen: Ein Baby wickeln, Zähneputzen, Eier braten, duschen,… Das ist so unsinnig, wie es klingt. Eigentlich müsste das Spiel „Quicktime-Event – The Game“ heißen.

Dabei werden die Vorzüge des DS3-Controllers der PlayStation 3, auf der das Spiel ursprünglich erschien, voll ausgereizt. Der Sixaxis-Sensor, der auf das Kippen und Neigen des Controllers reagiert, wird bis zum Exzess beansprucht. Leider sind dies genau die Quicktime-Events, die in den meisten Fällen nicht funktionieren, weil der PS4-Controller oft etwas anderes in die Bewegung interpretiert. Keine Ahnung, ob das an meiner absoluten Unfähigkeit oder an einem misslungenen Port liegt. Sehr wohl wird aber der rechte Analogstick, besonders in der Aufwärtsbewegung nicht richtig abgefragt. Hier muss ich eher nach rechts oben drücken, damit der Befehl korrekt beim Spiel ankommt. Ziemlich nervig.

Die Story ist, und das ist mir früher nie aufgefallen, voller Plotlöcher und unerklärlicher Twists. Um den Spieler zu verwirren, wird (Achtung, Spoiler) das gesamte Spiel über dem falschen Charakter die Mörderkarte zugeschoben, nur um gegen Ende die große Enthüllung zu feiern, in der eine völlig andere Figur sich als Killer offenbart. Dafür wird sogar der Fakt ignoriert, dass man stets die Gedanken jedes der vier Protagonisten lesen kann, und besagter Killer auf seinem Weg der Beweismittelvernichtung offensichtlich nicht EIN MAL daran denkt, dass er ja der Killer ist. Blöd. Wenn man da allerdings nicht drüber nachdenkt und die spielerischen Aspekte aus der Story herausnimmt, ist die Geschichte zumindest halbwegs stimmig. Hier merkt man noch deutlich, dass das Genre „interaktiver Film“ nicht einfach nur ein Film als Spiel sein kann. Wenn man schon als omnipotenter, gedankenlesender Gott agiert, muss die narrative Position deutlicher werden, was David Cage, der sowohl verantwortlich für das Drehbuch, als auch die Regie von Heavy Rain war, erst später mit Beyond: Two Souls verstanden hat.

Grafisch war Heavy Rain 2010 ein absolutes Highlight. Noch nie zuvor hatte ich ein Spiel gespielt, das so echt aussah. Aber genau das ist das Problem mit Games, die darauf abzielen, das reale Leben abzubilden: Sie altern schlecht. Spiele mit einem einzigartigen Artstyle, beispielsweise Wind Waker, haben eine viel höhere Halbwertszeit, bevor man kaum noch Freude daran hat, sich das anzusehen, weil man sich ständig denkt: „Und das soll echt aussehen? Schlampig gemacht!“ (oder ähnlich). So wie auch hier. Die Auflösung und Framerate des Spiels wurde ordentlich aufgebohrt sowie hochauflösende Texturen verwendet – Wenn die allgemeine Geometrie der Charaktere und sämtlicher Objekte allerdings mit der groben Kelle geschnitzt bleibt (alles der damaligen Performance der PS3 und der mangelnden Erfahrung mit dieser geschuldet), und die Animationsübergänge mehr als hakelig sind, hat das oft einen bitter-komödiantischen Beigeschmack.

Dennoch bleibt Heavy Rain ein Klassiker, den man definitiv gespielt haben sollte; Und wenn man dies nur tut, um die heutigen Spiele besser zu verstehen. Durch das HD-Remaster, das den Titel auf die PlayStation 4 bringt, steht dem jetzt auch nichts mehr im Wege. Wer sich nicht an stupiden Aufgaben, vielen Quick-Time-Events und einem miserablen Soundmix stört, kann das Ding jetzt entweder einzeln im PSN erwerben oder zusammen mit Beyond: Two Souls (welches wesentlich ausgereifter ist) auf Disc erwerben. Die letztgenannte Fassung mit beiden Spielen von David Cage gibt es ebenfalls als Downloadvariante.

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Heavy Rain Remastered was last modified: April 1st, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.