Das Jahr 2016 scheint so ein bisschen das Jahr der guten Actionfilme zu sein. Endlich gibt es die langersehnte, der Comicvorlage sehr würdige Adaption von Deadpool. Der Film erzählt die Geschichte von Wade Wilson, der in einer glücklichen Beziehung lebt und an einer mit Sicherheit tödlichen Krebserkrankung leidet und daraufhin hofft, dass er in einem Labor wieder zusammen geflickt und geheilt wird. Diese vermeintliche „Heilung“ verändert ihn grundlegend, er bekommt besondere Kräfte, wird ein klitzekleines Bisschen irre und er zieht gegen die Söldner zufelde, die seine Liebste gekidnapped haben und ihn furchtbar gerne tot sehen wollen, da besagtes Labor den Bösen gehört hat und er ausgebrochen ist. Am liebsten in einer Variante, in der das Wort „Stückchen“ vorkommt. Der neue Marvel-Film gilt zu Recht als toller Film, weil…

Hm? In der Artikelüberschrift steht, dass es hier um ’nen ganz anderen Film geht? Achso, ja! Okay, neuer Versuch.

Hardcore erzählt die Geschichte von Henry, der eine mit Sicherheit tödliche Begegnung mit einem Baseballschläger, Kugeln im Kopf, einer Messerklinge im Hals und einer Handgranate hatte. Da er tot ist und zu Regungen der Hoffnung nicht mehr fähig, übernehmen das andere und flicken ihn in einem Labor in Moskau wieder mit kybernetischen Implataten wieder zusammen. Genauer gesagt, seine Frau Estelle, die zufällig Expertin auf dem Gebiet der Kybernetik ist. Praktisch! Die vermeintliche Heilung verändert ihn grundlegend, denn seine Cyberware macht ihn stärker, schneller und jedem normalen Menschen überlegen. Daraufhin wird das Labor von einer bösartigen Söldnerarmee angegriffen, die seine Liebste entführt und ihn furchtbar gerne tot sehen will. Am liebsten in einer Variante, in der das Wort „Stückchen“ vorkommt, denn der völlig psychopathische Chef der Söldner, ein Albino namens Akan (Danila Kozlovsky), möchte gerne an die Technologie, die in Henry verbaut ist. Henry entkommt und zieht ab da gegen die Söldner zufelde, in der Hoffnung seine Frau wieder zu sehen.

Zugegeben, man könnte jetzt in beiden Prämissen ein gewisses Muster sehen, aber damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen Hardcore und Marvels liebster Laberbacke auch schon. Hardcore verhält sich zu Deadpool – bei dem ja alle happy über eine ungeschnittene Veröffentlichung in Deutschland waren – wie die Serie Full House zu The Walking Dead. Die amerikanisch-russische Co-Produktion ist anderthalb Stunden Thrill und kreative Arten, Menschen vom Leben zum Tode zu befördern und das alles aus der Ego-Perspektive, die bekanntlich der große Aufhänger des Streifens ist. Momente, in denen einfach mal ohne Kugelhagel, literweise Blut und Leichenteile die Handlung vorangetrieben wird, sind relativ rar gesät und ich frage mich ernsthaft, ob wir den Film in der ungeschnittenen Form hierzulande am 14.04.2016 zu Gesicht bekommen.

Dabei ist die Handlung für sich genommen eigentlich relativ cool. Nicht großartig, aber cool und wer erwartet bei so einem Filmtitel schon großen Stoff fürs Gehirn? Es ist eine Sammlung von Action-, Science Fiction- und Videospielklischees und das wissen alle Beteiligten auch. Gutes Beispiel ist das Motiv des „stummen Protagonisten“, das fast jeder kennt, der schon einmal ein Videospiel in der Hand hatte. Das wird relativ schnell mit der Frage abgehandelt, ob Henry denn schon sein Stimmmodul eingebaut bekommen hätte. Er schüttelt den Kopf, womit alles geklärt ist und der frisch gebaute Cyborg sich ab jetzt mit Handzeichen unterhalten darf. Insbesondere der Charakter Jimmy (Sharlto Copley, bekannt für seine Rollen als Wikus van de Merwe aus District 9 und Kruger aus Elysium) allein macht Hardcore schon sehenswert. Jimmy findet den verwirrten Henry relativ schnell nach dem ersten Angriff der Söldner und erklärt ihm, was mit ihm passiert ist und was er jetzt tun muss. Direkt danach bekommt er einen Kopfschuss… Nur um dann als Obdachloser wieder aufzutauchen und seine Erklärung fortzusetzen. Um dann wieder ins Gras zu beißen. Um dann vom Handy aus anzurufen. Jimmys Geschichte und seine Unsterblichkeit sind sogar interessanter, als die des Cyborgs und die beiden bilden fast schon eine Freundschaft, die unter den gegebenen Umständen zu überraschend rührenden Momenten führt. Man merkt gerade dem südafrikanischen Copley einfach an, dass er Spaß mit seiner Rolle hatte und sich die Seele aus dem Leib gespielt hat. Gleiches gilt aber auch für die übrige Besetzung, die zum größten Teil aus russischen, im Westen fast völlig unbekannten Darstellerinnen und Darstellern besteht.

Eine Warnung sei hier an alle ausgesprochen, die schnell unter Motion Sickness leiden. Es ist wirklich alles ohne Ausnahme in der Ich-Perspektive gefilmt und die rasend-schnellen Actionsequenzen und Stunts, obwohl hervorragend in Szene gesetzt, haben zusammen mit der sehr realistischen Gewaltdarstellung aus nächster Nähe in der Pressevorführung dafür gesorgt, dass ein Kollege kurz mal den Saal verlassen musste, weil ihm schlecht wurde. Mit realistischer Gewaltdarstellung ist hier übrigens nicht deren Umfang oder Häufigkeit gemeint, sondern der Umstand, dass sie nicht so stilisiert und auf Hochglanz poliert ist, wie man es oft aus Hollywood kennt. Alles wirkt sehr real und – mangels eines besseren Ausdrucks – „roh“ und die Kamera hält auf jedes Detail voll drauf. Die Verantwortlichen für Special-FX und Sound Design haben die gesamte Spieldauer hindurch großartige Arbeit geleistet. Ich bin mir nicht sicher, ob die Produktion in 3D oder gar IMAX erscheinen wird, aber falls ja: Unbedingt darauf zurück greifen! Das Ding ist ein totales Optikfest und falls es keine Versionen dieser Art geben wird, ist es fast schon eine verpasste Gelegentheit.

Unterm Strich bleibt der blutigste Film, den ich in einer LANGEN Zeit gesehen habe. Vielleicht sogar jemals. Dennoch hat der Indie-Film eine Menge darüber hinaus zu bieten, besonders in einer Zeit, in der jeder zweite Film ein Reboot oder eine Fortsetzung von Bekanntem ist. Die Effekte und Filmtechnik sind super, die Action ist schonungslos und der eingestreute Humor funktioniert toll. Würde der Film sich selbst schrecklich ernst nehmen, würde er nicht funktionieren. Das Spiel mit Klischees und skurrilen Charakteren im Moskau der nahen Zukunft war defenitiv die richtige Wahl, die Regisseur Ilya Naishuller hier getroffen hat. Übrigens handelt es sich hier um dessen Erstlingswerk in der Regie, von einem Kurzfilm einmal abgesehen, und ich hoffe, wir sehen von ihm in Zukunft noch mehr. Was man bei Hardcore nicht erwarten sollte, ist irgendeine Form der Erörterung von ethischen Problemstellungen oder starke, weibliche Charaktere. Der einzige wirkliche weibliche Charakter ist Estelle und die dient schlicht als Henrys Motivation zur Handlung. Der Fokus bleibt auf Henry, Jimmy und Akan und es funktioniert trotzdem. Auch wird nicht alles an der Handlung erklärt, insbesondere geht es mir dabei um eine von Akans, sagen wir mal, Kernkompetenzen. Als Zuschauer ist so etwas natürlich immer nervig, allerdings basiert auch alles darauf, dass wir uns als Henry fühlen und sehen was er sieht, hören was er hört und eben auch nur erfahren, was er erfährt. Fazit: Angucken, Spaß haben, Kopf ausschalten und einen starken Magen mitbringen. Es lohnt sich!

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Hardcore was last modified: März 12th, 2016 by Jan Homrighausen

Mag clevere Videospiele, laute E-Gitarren und gute Bücher. Killt in seiner Freizeit gerne Mutantenhorden, Verbrechersyndikate, gefallene Götter, außerirdische Imperien und allerlei anderes Kroppzeug, das sich nicht benehmen kann. Fantasy- und Sci-Fi-Nerd durch und durch.