Als ich mich euch neulich in meinem ersten Artikel hier auf Arrcade.de vorgestellt habe, habe ich ja schon anklingen lassen, dass ich besonders bei den Rollen- und Strategiespielen zu Hause bin. Hard West ist da keine Ausnahme und wenn es euch ein bisschen so geht wie mir, dann ist das coole Western-Taktik-Spiel auch etwas unter eurem Radar geflogen, obwohl es schon seit dem 18. November letzten Jahres auf dem Markt ist. Aufmerksame Arrcade-Leser wissen: Wir haben Bock auf XCOM 2! Da das allerdings noch ein bisschen dauert, muss frisches Rundentaktikfutter auf den Tisch und da kommt der Titel von Creative Forge Games aus Warschau gerade recht. Western aus Polen? Mit Fantasy? Geht das gut? Auf jeden!

Hang ‚Em High

Screen 1Pen&Paper-Rollenspieler, die sich mal etwas ab vom Dungeons&Dragons-Mainstream umgeschaut haben, werden vielleicht schon einmal von einem System namens Deadlands gehört haben, wo der Teufel persönlich den „Weird West“ beherrscht, Indianerschamanen tatsächlich Geister beschwören können und der Galgen für untote Desperados und Gun Slinger noch längst nicht das Ende bedeutet. Genauso ein Desperado ist Warren, dessen Geschichte Hard West in einzelne Kapitel unterteilt erzählt. Sein ganzes Leben vom Pech verfolgt, versuchen er und sein Vater ein bisschen Gold zu schürfen, um endlich ihre kaputte Farm hinter sich zu lassen und auf dem Oregon Trail in den Westen der USA zu reisen. Die Dinge verlaufen allerdings nicht wie geplant und Warren muss sich zusammen mit seiner Geliebten, Florence, als Gesetzloser durchschlagen. Schon bald treffen die beiden in einem Saloon auf einen maskierten, äußerst wohlhabenden Fremden, der es gar nicht ausstehen kann, beim Poker geschlagen zu werden. Glücklich, weil sie gerade eine ganze Menge Kohle gewonnen zu haben scheinen, merken die beiden gar nicht, wie die Taverne langsam von den „Angestellten“ des Maskierten umzingelt wird. Obwohl sie sich heldenhaft wehren, sind sie doch in der Unterzahl und liegen Ssekunden später blutend am Boden. Noch bevor Warren allerdings seinen letzten Atemzug tut, benutzt er seine letzten Worte, um seine unsterbliche Seele an den Teufel zu verkaufen, für eine Chance auf Rache. Und der Teufel willigt ein…

Screen 2

Von dort an reitet Warren als untoter Revolvermann durchs Land und sinnt auf Blutvergießen und vielleicht ja sogar eine Chance, seine Florence wieder zu ihm zurück zu bringen und der Hölle von der Schippe zu springen. Creative Forge erzählen ihre Geschichte, wie gesagt, in einzelne Kapitel unterteilt. Es gibt also kein großes, episches Weltverteidigungsszenario á la XCOM, aber das muss nicht zwangsläufig etwas schlechtes sein. Da es sich hier um einen kleinen Indie-Titel von einem kleinen Studio handelt, darf man kein großes Effektfeuerwerk erwarten, aber dennoch ist die gesamte Kampagne super stimmig, mit schlichter aber sehr ansehnlicher Cellshadinggrafik und einem coolen Art-Stil. Auch die wenigen Sprecher die es gibt, machen einen sehr guten Job und gleiches gilt auch für den Soundtrack. Von ruhigem Geklampfe auf einer Slideguitar bishin zu etwas rockigeren Stücken liefert alles das perfekte Ambiente für Schusswechsel in buchstäblich gottverlassenen Wüstenkäffern.

Untot heißt nicht unverwundbar

Die Betonung bei Hard West liegt auf dem Wort Hard, denn das Teil ist darauf ausgelegt, Köpfe zum qualmen zu bringen. Die Kampagne ist in zwei Spielelemente unterteilt. Der Spieler bewegt sich auf einer Landkarte zwischen Schauplätzen wie Indianercamps, Shops, verlassenen Minen, usw hin und her, wo die Geschichte meist in Multiple Choice-Textfenstern erzählt wird, wo alles stets Konsequenzen hat. Vielleicht bekommt ein Item oder vielleicht auch eine Verletzung, die sich im nächsten Kampf nachteilig auswirkt. Relativ früh im Spiel steht man zB. vor der Herausforderung einen eventuellen Mitstreiter aus einer von Kannibalen bewohnten Farm zu befreien. Man kann da natürlich einfach reinstürmen und versuchen in einem rundenbasierten Kampf alles abzuknallen, was sich bewegt. Man kann allerdings auch ein bisschen Vorarbeit leisten und die Kannibalen vorher schwächen, indem man etwa ihren Brunnen vergiftet…

Screen 3Der zweite Abschnitt des Spiels besteht dann aus eben diesen Rundenkämpfen, die streckenweise extrem schwer, aber nie unfair sind. Es kommt eben alles auf clevere Positionierung der eigenen Leute hinter Deckung, sowie auf den cleveren Einsatz der eigenen Spezialfähigkeiten an. Jeder steuerbare Charakter hat zwei Aktionspunkte für Fähigkeiten, dein Einsatz von Gegenständen, nachladen der Waffe etc. Sobald man schießt, ist der Zug für den Charakter vorbei, auch wenn man noch einen Aktionspunkt übrig hätte. Ein richtiges Attributssystem wie in Rollenspielen gibt es in Hard West nicht. Anstelle dessen, bekommt man nach und nach ein Deck aus Pokerkarten zusammen, wo einzelne Karten bestimmte Fähigkeiten darstellen. Die Pik Königin ist z.B. die Fähigkeit „Chain Kill“, die einem Aktionspunkte zurück gibt, wenn man Gegner ausschaltet, wodurch man in einem Zug mehrmals schießen kann. Jeder Charakter kann theoretisch jede Kombination aus Fähigkeiten haben, aber hinzu kommt noch, dass man wie im Poker bestimmte Kombinationen wie Royal Flush, zwei Pärchen, etc auf der Hand haben kann, was einem wiederum nochmal Boni verleiht, etwa auf die eigene Trefferchance. Das klingt jetzt erst einmal als wolle es einen erschlagen, aber die einzelnen Kombinationen für einzelne Charaktere auszuprobieren, macht viel Spaß und verleiht dem Charaktersystem einiges an Tiefe.

Für eine Hand voll Dollar

Hard West kommt sicherlich nicht an den riesigen Umfang oder Spieltiefe eines XCOM heran, aber das will es auch gar nicht. Ein Titel von solchen Dimensionen wäre für ein so kleines Studio wie Creative Forge vermutlich auch gar nicht zu bewältigen. Stattdessen bekommt man einen sehr atmosphärischen Titel mit ca. 30 Stunden Spielzeit, dem man anmerkt, dass die Entwickler Herzblut investiert und versucht haben, aus einem kleinen Entwicklungsbudget eine Menge zu machen. Wer Bock auf komplexe Taktik und ein frisches, abgefahrenes Szenario hat, sollte sich den Titel unbedingt mal anschauen. Für den verhältnismäßig kleinen Preis von 15,-€ auf gog.com und Steam macht man absolut nichts falsch!

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Hard West was last modified: Februar 1st, 2016 by Jan Homrighausen

Mag clevere Videospiele, laute E-Gitarren und gute Bücher. Killt in seiner Freizeit gerne Mutantenhorden, Verbrechersyndikate, gefallene Götter, außerirdische Imperien und allerlei anderes Kroppzeug, das sich nicht benehmen kann. Fantasy- und Sci-Fi-Nerd durch und durch.