Nicht eine Minute Ruhe: Ständiges Gerede im Kinosaal. Wieso machen Menschen so etwas?

fresse_gross_kinoEs ist ein Graus. Das Licht geht aus, die Trailer sind vorbei und die ersten Minuten des Films plätschern über die geräumige Leinwand des Kinosaals. Dennoch scheinen einige wenige Zuschauer nicht in der Lage zu sein, die Gespräche untereinander einzustellen oder die Lautstärke selbiger auf ein kaum hörbares Minimum zu reduzieren.

Sicher, besagte Quatschköpfe bekommen von mir ein großzügig-kulantes Zeitkontingent um besagte Konversationen einzustellen und endlich die volle Aufmerksamkeit gen Leinwand zu richten. Ist nach kurzer Eingewöhnung jedoch immer noch keine Ruhe, muss mittels brunftiger Rufe drängend um Stille gebeten werden.

Selbstverständlich ist der Anspruch an die Geräuschkulisse abhängig vom konsumierten Filmgenre. Zum Beispiel ist es mir relativ latte, wenn bei einer Holzhammer-Komödie aus der Feder Adam Sandlers zwischen den Fäkalwitzchen gequatscht wird; Auch ein Actionfilm, dessen eigene Geräusche den Innenraum durch lautstarke Explosionen und Maschinengewehr-Geratter dominieren lassen mich oft nur müde mit den Achseln zucken. Sitzen jedoch drei Yuppie-Pärchen in unmittelbarer Hörweite, die während eines Gruselstreifens kichern, lachen und sich Witzchen oder die neuesten Anekdoten vom letzten Hollister-Shoppingtrip erzählen und somit die gesamte Atmosphäre des Films für das gesamte anwesende Publikum ruinieren oder zumindest reduzieren, schwillt mir der Hasskamm und die Kulanzzeit, bis die Gespräche vollends versiegen sollten, wird eklatant reduziert.

In solchen Situationen stellt sich mir die Frage: Wieso gehe ich ins Kino wenn ich mich eigentlich unterhalten möchte? Und andersrum: Wieso unterhalte ich mich im Kino und habe nicht die Sensoren, ab welchem Zeitpunkt oder ab welcher Lautstärke meine Mitmenschen sich durch mich oder meine Mitkinogänger belästigt fühlen? Dabei scheint sich kein Schema abzuzeichnen: Sowohl demografische Merkmale als auch edukative Hintergründe haben wohl keinen Einfluss auf den Drang, Geräusche absondern zu müssen. Mittvierziger im Unterhemd die nach Bier riechen oder junge Menschen Anfang 20, die sich problemfrei und verständlich artikulieren können – Ruhe ist hier nicht garantiert.

Ich rede hier nicht von hilfesuchenden Freundinnen, die während des Hobbits („Sind das jetzt die Orks?“) oder während Sciene-Fiction-Filmen („Wer schießt da jetzt auf wen?“) ihren Nebenmann um Rat fragen. Ich rede auch nicht von Gelächter und frohlockendem Jauchzen nach einem Furzwitzchen. Ich spreche von unentwegtem Wortausfluss, dem anscheinend kein Einhalt geboten werden kann. Seltene Exemplare der lärmenden Kinogänger sind selbst gegen Bitten und Drängen, endlich das Quatschen einzustellen, immun und blicken oft fragend drein, empört darüber, ihr Kaffeekränzchen einstellen zu müssen.

Diese Menschen sind einer der Gründe, warum Kino heutzutage keinen Spaß mehr macht. Wo bleibt der Respekt gegenüber seinen Mitmenschen? Wo bleibt das Wissen um die momentane lokale Befindlichkeit? Ich habe fast nichts dagegen, wenn Menschen im Kino ihr Handy kurz (!) rausholen. Aber während der Gesprächsrunde konstant das technische Kleinod hellleuchtend in der Hand zu halten setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Ich sehe keine Notwendigkeit, die Kommunikation mit der Außenwelt und gar der direkten Umgebung nicht mal für 90 Minuten nicht einstellen zu können. War das schon immer so? Oder ist unser neugewonnener Drang nach steter Unterhaltung aus multiplen Quellen der Grund dafür, dass ich nicht mehr entspannt meinen Kinoabend verbringen kann und mich statt dessen viel mehr freue, einen Film im trauten, ruhigen Heim sehen zu können?

Titelbild/Artikelbild von Edward Webb madnzany, Flickr

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Halt doch mal die Fresse! – Über Gerede im Kino was last modified: August 3rd, 2013 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.