Ziemlich genau neun Jahre hat es gedauert, bis Microsoft eine Fortsetzung des Echtzeitstrategiekloppers Halo Wars für die Xbox 360 auf den Markt gebracht hat. Bereits auf der E3 im Jahre 2016 kündigten die Redmonder Halo Wars 2 an, welches nun auch termingerecht erscheinen durfte. Diesmal dürfen RTS-Enthusiasten via PlayAnywhere nicht nur an der Konsole spielen, sondern auch am PC – sofern man die wesentlich teurere Ultimate-Edition kauft. Besitzer der Standard-Version im grünen Amaray können lediglich auf der Xbox One zocken. Doch wie spielt sich ein Strategiespiel auf der Konsole?

Zurück an die Konsole!

Seit vielen Jahren lebe ich bereits in RTS-Abstinenz. Das liegt primär daran, dass ich meine Haupt-Gaming-Plattform schon vor langer Zeit auf die PS4 gelegt habe und den PC als Spielmedium so gut wie gar nicht mehr nutze. Und da Echtzeitstrategie eigentlich immer Tastatur und Maus voraussetzt, setzte dieses Genre in meinem digitalen Habitus langsam Moos an. Zum Glück konnte Microsoft die Strategieveteranen von Creative Assembly, die ja bekanntermaßen für die Total War-Reihe verantwortlich sind, gewinnen. Unterstützend dazu griff 343 Industries ein. Die für den Vorgänger verantwortlichen hauseigenen Ensemble Studios (Age of Empires), wurden nach der Fertigstellung von Halo Wars im Jahre 2009 eingestampft.

Ganze 28 Jahre lang galt das Raumschiff „Spirit of Fire“ als verschollen. Als es plötzlich im Orbit der Arche – Halo-Fans und -Insider wissen, worum es sich hier handelt – auftaucht, ist sowohl die Verwirrung als auch das Kriegsaufgebot groß. Spartans lesen die auf der Arche stationierte künstliche Intelligenz Isabel auf und bringen sie an Bord der Spirit of Fire. Hier werden ab jetzt Rachepläne gegen General Atriox und die anderen Banished geschmiedet, die einiges an Unheil im Universum stiften. Denn nicht nur die Menschen, sondern auch die Allianz haben schwer mit der Übermacht der bulligen Krieger zu kämpfen. Und genau hier kommt der Spieler ins… naja… Spiel. Denn jemand muss die Truppen in den Kampf führen.

Großartige Videosequenzen

Dabei fällt sofort auf, welcher Qualitätsstandard hier als Messlatte genommen wurde. Sämtliche Zwischensequenzen sehen aus wie frisch aus der Blizzard-FMV-Schmiede geplumpst. Die großartige Optik der Filme, die viel zu selten zwischen den Cutscenes in Spielgrafik ergänzend die Story erklären, hauen mich echt vom Hocker. Hier wurde nicht gespart, sondern ordentlich in die Budgetkiste gegriffen. Das Spiel selbst wirkt dagegen fast trist und mit der groben Kelle geschnitzt.

In gewohnter RTS-Manier schaut man von oben auf das Schlachtfeld und schickt seine Einheiten über selbiges. In den Kampfbasen können weitere Fußtruppen, Fahrzeuge und Lufteinheiten hergestellt werden. So weit, so bekannt. Allerdings ist die Controllersteuerung für ein solche Spiel immer noch arg gewöhnungsbedürftig. Die rudimentärsten Funktionen, die man beispielsweise ansonsten über Klicks in die Minimap erledigt, sind nun über halbkomplizierte Kurzbefehle auf die Controllertasten des Xbox One-Controllers gemappt. Sogar das Zuordnen von Einheiten zu einem Verbund ist möglich. Das funktioniert mit einer Tastatur und einer Maus natürlich alles wesentlich besser, erfüllt aber seinen Zweck. Denn an keiner Stelle ist Halo Wars 2 im Kampagnenmodus derart herausfordernd, als dass der Spieler hier nicht hinterherkommen würde. Schlauchartige Level und ein eingängiges Missionsdesign machen das möglich. Das ist nicht Ungewöhnliches, denn selbst Größen wie Starcraft, Warcraft oder Command and Conquer machen das genauso.

Alleine im Textur-Schlauch

Größtenteils wird die Karte sogar nur mit einzelnen Einheiten abgegangen während die gut gecasteten (englischen und deutschen) Sprecher die Geschichte voranbringen. Das hält die Spannung aufrecht, weil man keine Armee im Rücken hat, sondern lediglich mit beispielsweise einem Spartan und zwei Cyclops-Einheiten den Nebel des Krieges durchbricht und stets auf der Hut ist, was hinter der nächsten Ecke lauern könnte. Selbst in Levels, in denen man ordentlich Basenbau betreiben darf, ist das Einheitenlimit derart niedrig angesetzt, dass der größte Feind des Spielers das Haushalten mit eben jenem ist. Das ist allerdings manchmal frustrierend und unterstreicht den Eindruck, dass Halo Wars 2 lediglich eine Rudimentärversion dessen ist, was es hätte sein können.

Grafisch fordert Halo Wars 2 die Xbox One-Konsole nicht allzu sehr. Das liegt zum einen an dem sehr beschränkten Sichtfeld, das die Kamera sehr nah an der Szenerie fesselt, zum anderen sind die Texturen, die beispielsweise auf Fahrzeugen und Gebäude prangen, derart niedrig aufgelöst dass Zwischensequenzen in Spielgrafik an den Vorgänger von 2009 erinnern. Das macht auf der niedrigsten Spielstufe, in der man sich normalerweise den Großteil der Zeit befinden sollte, natürlich nichts aus.

Wer genug von der Kampagne hat, der kann im Mehrspielermodus (hier wird Gold-Status bei Xbox Live vorausgesetzt) so richtig die Strategie-Sau rauslassen. Diesen Teil des Spiels lasse ich aber aus den folgenden Gründen unangetastet.

Mit den Augen eines Aspergers

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Halo Wars 2 bietet einen sehr entspannten Kampagnenmodus. Hier kann vom Prinzip her schon keine Hektik aufkommen. Feindliche Einheiten sind rar gesät, weswegen auch die Unterscheidung von Freund und Feind wirklich sehr einfach abläuft und ich nicht ins schwitzen komme, weil ich nicht mehr weiß, was auf dem Bildschirm passiert.

Leider fehlt mir allgemein etwas der Überblick. Das liegt daran, dass die Kamera sehr nah am Geschehen festklebt und ich sehr viel scrollen muss, um genau zu sehen, wie andere Bereiche der Karte aussehen. Im echten Leben mag ich es als Aspie nicht, wenn Dinge hinter mir oder außerhalb meines Sichtfeldes geschehen, was sich ziemlich gut auf Strategiespiele übertragen lässt.

Entsprechend meide ich den Mehrspielermodus aufs Äußerste. Denn hier fängt das Spiel vollkommen an, unberechenbar zu werden. Menschliche Gegner, die Einheiten aus allen Richtungen schicken, Kämpfe an allen Ecken, Benachrichtigungen am laufenden Band. Gerade an der Xbox One mit der sehr trägen Steuerung für mich ein kleiner Albtraum, den ich auch keinem Mit-Aspie empfehlen kann. Bleibt lieber bei der Kampagne und freut euch über die sehr gescriptete und berechenbare KI.

 

Blitzkrieg im Blitz-Modus

Eine große Neuerung in Halo Wars 2 ist der Blitz-Modus. Hier greift quasi das bekannte FUT-System aus FIFA. Durch Vorankommen in der Kampagne, Spielen der Tutorials und Aufsteigen im Level kann der Spieler hier Einheitenkarten aus Kartenpacks gewinnen und somit sein Deck aufrüsten. Im Blitz-Modus können diese Karte dann je nach Energiestand (ähnlich wie beim Mobile-Hit Clash Royale) gespielt werden. Dadurch kann diese Art Domination-Modus in der Einzel- und Mehrspielervariante dann sehr spontan zu den eigenen Gunsten (bzw. Ungunsten) gedreht werden. Die Basenbau-Komponente fehlt hier völlig, was einen schnelleren Spielfluss ermöglicht. Auch hier gilt: Ohne Gold-Status im Xbox Live-Netzwerk geht gar nichts. Außer dem Auspacken der Karten erlaubt Halo Wars 2 lediglich das Tutorial sowie eine wahre Breitseite von Fehlermeldungen. In meinem Fall stürzte das Spiel im Blitz-Modus sogar regelmäßig ab und zeigte mir statt der hübschen Spielwelt lieber die Startseite der Xbox One.

Halo Wars 2: Fazit

Halo Wars 2 glänzt vor allem durch seine atemberaubend guten Videosequenzen. Alleine dafür hat sich die Wartezeit von neun Jahren schon gelohnt. Das sehr simpel gehaltene Gameplay und die sehr gute Performance tun ihr Übriges, um den Strategietitel selbst auf einer Konsole funktionieren zu lassen. Wer hier die Spieltiefe eines Starcraft 2 sucht, ist an der falschen Adresse, eine authentische Erweiterung des Halo-Universums und eine sinnige, funktionierende Fortsetzung des Vorgängers von 2009 wird mit Halo Wars 2 aber allemal geboten. Besonders RTS-Einsteiger kommen hier voll auf ihre Kosten.

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Halo Wars 2 was last modified: März 1st, 2017 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.