Das Rauchen aufgehört und auf der Suche nach einer neuen Sucht? Perfekt, denn seit heute steht Guild Wars 2 offiziell in den Läden. Unser erster Eindruck zeigt, ob es sich lohnt.

Es klingelt an der Tür; Ein nett lächelnder Mann in gelber Jacke reicht mir ein Päckchen, winkt zum Abschied und lässt mich verdutzt, mit dem Karton in der Hand, in der Redaktion stehen. Der findige Leser weiß natürlich schon längst, dass sich in diesem Päckchen nichts anderes als das neue Kracher-MMORPG Guild Wars 2 befinden kann.

„MMORPG“ – Was klingt wie eine exotische Tropenkrankheit ist eigentlich die Abkürzung für „Massively Multiplayer Online Role-Playing Game“. Also quasi ein Rollenspiel, das mit vielen, vielen anderen Menschen zusammen gespielt wird. Als prominentester Vertreter dieses Genres ist wohl den meisten World of Warcraft („WoW“) bekannt. Wie bitte? Dieses böse, süchtig machende Spiel? Genau das. Doch kann Guild Wars 2 da mithalten? Ich meine… WoW ist ja schon seit Jahren (!) ein Renner, trotz des monatlichen Bezahlmodells.

„Free 2 Play“ oder „Pay 2 Win“?

Und bereits hier hat Guild Wars 2 (GW2) einen Fuß in der Redaktionstür, denn lediglich eine einmalige Lizenz (ca. 40-50 Euro) muss hier berappt werden, monatliche Gebühren entfallen völlig. Dafür gibt es allerdings einen Ingame-Shop, dessen Währung entweder durch Spielgeld oder aber durch reales, echtes Geld gekauft werden kann/muss. Diese kaufbaren Items sind aber nur die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, denn GW2 will kein sogenanntes „Pay2Win“-Game sein, sondern orientiert sich nach der „Free2Play“-Philosophie. Wer einen trendigen Hut oder eine schicke Sonnenbrille auf der Piazza schaulaufen möchte, der kann das gerne tun – natürlich nur gegen Cash. Nachvollziehbar, wollen doch die Serverfarmen irgendwie finanziert werden.

Rasse und Klasse

Nach anfänglichen Log-In-Problemen (ja, die Server waren erwartungsgemäß leicht überlastet; kein Vergleich aber zum Blizzard-Totalausfall des Diablo 3-Launches) kann ich nun meinen ersten Charakter erstellen. Ich habe die Auswahl zwischen fünf Völkern:

  • Die Charr
    Eine Kuh auf zwei Beinen, anscheinend das archaische Pendant zu den WoW-Tauren. Finde ich irgendwie albern. Sehen auch merkwürdig aus.
  • Die Norn
    So eine Art Vikingervolk, ich seh mich schon stereotypische Äxte schwingen und dem Eisgott huldigen. Näää!
  • Die Menschen
    Ja. Steht definitiv bisher ganz oben auf meiner Liste. Ich mag Menschen. Nicht alle, aber im Großen und Ganzen schon 
  • Die Sylvari
    „Die Sylvari werden nicht geboren, sie erwachen unter dem Blassen Baum mit (…)“ DER NÄCHSTE BITTE!
  • Die Asura
    Kleine, niedliche, eingebildete Gnome. Perfekt. Nehm ich!

Anschließend muss ich eine Klasse wählen. Hier darf ich aus acht verschiedenen Spielstilen wählen. Nekromant, Waldläufer, Dieb… Gar nicht so einfach, sich zu entscheiden… Letztendlich heißt mein Asura „Joezor“ (mein Hackername) und ist Elementarmagier. Genauer gesagt: Feuermagier. Habe irgendwie im Hinterkopf, dass die Kerle immensen Schaden raushauen können, und Schaden ist immer eine feine Sache. Schnell noch Aussehen und Hintergrundgeschichte angepasst und schon lande ich im Spiel. Und das ist ungefähr der Zeitpunkt, an dem ich ein wenig anfange, mich zu fragen, was ich hier überhaupt mache.

Vom Hüpfen und Gemeinschaftskloppen

Viele, viele NPCs und noch mehr kleine, von anderen Spielern gesteuerte Zwerge hüpfen im Asura-Startgebiet herum und lassen meine Konzentration in ein kleines Dampfwölkchen verpuffen. Als ich meine Fassung wiedererlange, stehe ich vor einem großen Portal, durch das ich wohl gehen soll. Genau wie geschätzte 20 andere Asura. Doch der Zugang bleibt uns verwehrt. Warum? Keiner weiß es, denn anscheinend ist die Quest, die das Zwergenvolk in die große, weite Welt bringen soll, verbuggt. Minutenlang stehen wir vor dem Tor und vertreiben uns die Wartezeit mit Hüpfen. Moment… Hüpfen?

Ein großer Malus des Vorgängers „Guild Wars“ war bekanntermaßen, dass man nicht springen konnte. Wartezeiten mit völligem Herumstehen zu überbrücken empfanden die Entwickler dann anscheinend in der Rekapitulation des ersten Teils und der Planung des Nachfolgers als unzumutbar und entschlossen sich, dem Drängen der Spieler nachzukommen und diese Funktion zu verbauen. Einhergehend damit ist eine völlig neue Erkundung der riesigen Spielwelt möglich, der Spieler wird durch XP-bringende und versteckte Aussichtspunkte sogar dazu gebracht, sich springend Gebäude, Abhänge und Bäume hochzuglitchen.

Die erwähnte Spielwelt dient hier allerdings nur als „Zwischenstation“, denn GW2 baut auf ein etwas gewöhnungsbedürftiges und gleichzeitig cleveres Instanzierungssystem. Sämtliche Levelarbeit und alle Reisen finden hierbei zusammen mit allen anderen Spielern des Realms statt. Dabei wird – und das möchte ich besonders hervorheben – gemeinschaftlich daran gearbeitet, Gegner zu besiegen und sogenannte „Events“ zu erledigen.

Jeder, der einem Gegner einen Mindestwert an Schaden zufügt, bekommt die Erfahrungspunkte für einen Kill und den Kill selbst angerechnet. Hiermit werden Killsteals unmöglich gemacht und kämpfenden Mitspielern wird unterstützend unter die virtuellen Arme gegriffen. Somit wird eher gemeinschaftlich durch Höhlen voller Gegner gerannt, denn letztlich hat jeder was davon. Ebenso tauchen in der Spielwelt periodisch auftretende „Events“ auf. Hier wird den Spielern in einem bestimmten Gebiet eine gemeinschaftliche Aufgabe gestellt („Sammelt das-und-das“ oder „Beschützt den-und-den“), die bei Erfüllung mit ordentlich XP und Geld vergütet wird.

Instanzierte, individualiserte Questreihen

Dieses Community-System vereitelt nicht nur Killsteals und die damit verbundene Aggression der Spieler untereinander, sondern fördert zusätzlich das gemeinschaftliche Denken und Handeln. Storyrelevante Quests werden zudem grundsätzlich instanziert abgehandelt, d.h. jeder Spieler bzw. jede Gruppe von Spielern betritt eine eigene Kopie der Quest und ist somit abgeschottet von der Außenwelt auf sich allein gestellt. Ein gutes System, bringen viele Spieler doch oft gescriptete Questreihen durcheinander und verzögern so das Vorankommen der Anderen.

Während des Questens fällt mir auf, dass bestimmte Elemente, die ich zuvor als die Hintergrundgeschichte meines Charakters wählen konnte, hier wieder auftreten. Zudem fälle ich während des Spielens Entscheidungen, die den weiteren Spielverlauf und die damit verbundenen weiteren Quests beeinflussen. Da hat sich aber jemand Arbeit gemacht, ich bin schlichtweg begeistert.

Gigantische Schlachten und gut-schlechte Sprecher

Grafisch mach GW2 einen soliden Eindruck; Sicherlich ist die Umgebung nicht die hübscheste (auch nicht auf höchsten Details), dafür bekommt man aber eine riesige Spielwelt geboten, die einiges an Atmosphäre verbreitet. Leider, leider geht die Framerate ziemlich in den Keller, sobald es in den „Welt gegen Welt“-(„WvW“)Modus geht. Das ist aber auch verständlich, denn hier treffen bis zu 500 (!) Spieler pro Schlachtfeld aus insgesamt 3 internationalen Realms aufeinander. Ein sehr, sehr krasser PvP-Modus, der eigene Events und Quest-NPCs mit sich bringt. Das Spielsystem an sich ist allerdings etwas komplizierter, deswegen hier die Kurzfassung: Laufen, Prügeln, Punkte sammeln.

Der einzige wirkliche Negativpunkt bei GW2, und das, obwohl die Jungs von ArenaNet es eigentlich nur gut meinten, sind die (deutschen) Sprecher (ja, ich spiele ausnahmsweise mal auf deutsch). Zwar gibt es, viele, viele bekannte Sprecher, die größtenteils auch Hollywoodstreifen ihre Stimme leihen, dennoch passen diese zum Teil nicht im geringsten zu ihren digitalen Besitzern. Zudem wird hier oft Dummfick vom Feinsten von sich gegeben, was besonders nervt, wenn man (s.o.: „WvW“) mit vielen Spielern zusammenkämpft, die in regelmäßigen Abständen ihren Quark von sich geben müssen. Nervig.

Fazit

Guild Wars 2 macht fast alles richtig, was man in einem MMORPG richtig machen kann, besonders das Levelsystem, das den Spieler abhängig vom Spielgebiet automatisch auf ein adäquates Level zurückstuft und somit die angemessene Erkundung neuer Gebiete möglich macht, ist besonders innovativ. Der Umfang der Spielwelt, der Questreihen und der Spielmechanik sprengen unseren ersten Eindruck, garantieren aber, dass die Investition in dieses Spiel definitiv den (vergleichsweise geringen) Preis wert ist und viele, viele hundert Stunden Spielspaß bieten wird.

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Guild Wars 2 – Der erste Eindruck was last modified: August 28th, 2012 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.