Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem sich mein Leben von Grund auf verändern sollte. Ich kam gerade zurück von einem gefährlichen Einsatz, denn wieder mal versuchte ein größenwahnsinniger Superschurke die Weltherrschaft an sich zu reißen. Das komplette Programm: Todeslaser, fliegende Affen, durchgeknalltes Schurkenlachen. Als ich nach getaner Arbeit nach Hause kam, mein Superheldencape ordentlich an die Garderobe hängte, und meine sozialen Netzwerke durchforstete, sah ich ihn: Den Trailer, auf den mein zehnjähriges Ich seit zwei Dekaden wartete.

The YouTube ID of pTZ2Tp9yXyM is invalid.

Hands down: Das geh ja wohl kaum brillianter. Gags am laufenden Band, actionreiche Schlachten, grandioser Soundtrack und Chris Pratt (Star-Lord/Peter Quill). Ein komödiantisches Naturtalent, das der ein oder andere Leser bereits in TV-Serien wie O.C. California oder Parks and Recreation erleben durfte. Und vor allem: Endlich eine adäquate Verfilmwurstelung der Guardians of the Galaxy.

Marvel knöpft sich in der verleinwandeten Fassung die Erzählung der Geschichte eines Teils des Comicbuch-Teams von 2008 vor (die Mitglieder von 1969 werden nicht berücksichtigt), wobei hier Charaktere wie Angela, Mantis oder Phyla-Vell vollständig außen vor gelassen werden. Das ist aber völlig in Ordnung, konzentrierten sich die Macher offensichtlich auf ein Kernteam, das möglichst viele unterschiedliche Charakterzüge in der geringstmöglichen Anzahl von Mitgliedern vereint. Aber erstmal auf Anfang: Worum geht es überhaupt?

Something good, something bad… a bit of both

Guardians_Of_The_Galaxy_FBA0680_comp_v192.1011_R1988: Der junge Peter Quill ist gerade acht Jahre alt, als seine Mutter im Krankenhaus an Krebs stirbt. Als er daraufhin weinend vor das Gebäude rennt, erscheint ein außerirdisches Raumschiff. Staub wird aufgewirbelt, grelle Lichter blenden, die Musik wird unerträglich dramatisch. Cut.

26 Jahre später: Peter ist erwachsen, sein Leben auf der Erde hat er hinter sich gelassen. Er ist nun ein Outlaw, ein kleinkrimneller Gesetzloser, der sich mit intergalaktischen Diebstählen über Wasser hält. Als er seinen Mentor (gespielt von Redneck-Zombiekillerrantipath Michael „Merle Dixon“ Rooker) hintergeht und den „Orb„, sein jüngstes Fundstück, auf eigene Faust zu verkaufen, beginnt das Abenteuer.

Was Peter, der sich selbst Star-Lord nennt, nicht weiß:

a) Der Orb ist nur einfach nur eine hübsche Metallkugel, sondern selbstverständlich wesentlich mehr.

b) Ronan (Lee Pace), ein fieser Bösewicht, der gezwungenermaßen für den noch fieseren Thanos arbeitet. möchte nichts mehr, als in den Besitz des Orbs gelangen.

c) Sein ehemaliger Mentor hat ein Kopfgeld auf Peter ausgesetzt, weswegen die beiden Thugs Rocket (Bradley Cooper), einen genetisch modifizierten Waschbären mit großer Klappe und einer Vorliebe für große Waffen sowie Groot (Vin Diesel), einen sprechenen Baum mit einem Sprachwortschatz von drei Worten nichts sehnlicher möchten, als Quill in einen Sack zu packen und auszuliefern, anheuert.

d) Gamora (Zoe Saldana), eine körperlich verbesserte, giftgrüne Attentäterin mit grundlegendem Vaterkomplex und Tochter von Oberschurke Thanos ist ebenfalls hinter dem Orb her.

e) Drax (Dave Bautista), ein muskelbepackter Hüne mit einer Abneigung gegen Oberbekleidung und Unverständnis gegenüber sprachlicher Variabilität, der auf einem Rachefeldzug gegenüber Ronan ist, ist nicht das hellste Licht am Himmel.

We’re all losers. We all lost something.

Guardians_Of_The_Galaxy_NPS5265_comp_v101_grade.1074Wie der Zufall es will, sitzen Quill, Gamora, Drax, Rocket und Groot im Laufe des Films im selben Boot und müssen sich zusammenraufen, als Ronan Anstalten macht, das Universum zu zerstören. Das kennt man gegebenenfalls bereits aus anderen Superheldenstories; The Avengers sollte hier als Paradevergleich gelten: Ein intergalaktischer Schurke übelster Sorte möchte Alle (!) töten, weswegen sich ein Team aus (Anti-)Helden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zusammenraufen muss, um diese übermächtige Bedrohung abzuwenden. Lange Zeit war ich sicher, dass niemals ein Marvel-Film an diese Großartigkeit – trotz aller Längen und den schwachen ersten 20 Minuten – herankommen würde. Wie so oft, sollte ich eines Besseren belehrt werden. Gerade in der Originalversion konnte Guardians of the Galaxy problemlos, rückwärts und mit verbundenen Augen, dem 250-Millionen-Dollar-Bombast-Machwerk von Joss Whedon den Rang ablaufen.

Guardians_Of_The_Galaxy_NK_FINALCC_GRD26_ft_dom_t2_v25rev_wt6.088983_R_CNicht nur die Unterschiedlichkeit der Guardians-Charaktere, die Dichte an guten Gags, die exzellent inszenierte Action und die grellbunte, kontrastreiche Bildwelt sind hier Akteuere, die verantwortlich für meine Begeisterung sind, sondern ebenfalls (und besonders) der geschickt gewählte Soundtrack, der die Science-Fiction-Zukunftsvision eines Späterachziger-Charakters mit dem musikalischen Feeling der Siebziger verbindet. Klingt völlig verrückt – Ist es auch. Hooked on a feeling, Spirit in the Sky, Mooage Daydream… Großartig!

Guardians_Of_The_Galaxy_FT-18504_RRegisseur James Gunn, der bisher lediglich für fragwürdige Produktionen verantwortlich war, zaubert eine wunderbare Welt auf die Leinwand, die durch die Zugabe von 3D sogar noch einen Mehrwert erhält (was absolut unüblich ist). Eyecandy vom Feinstern flimmert hier im Lichtspielhaus vor den Augen der Zuschauer, seltenst (!) kommt hier Langeweile auf. Die ruhigen Sequenzen werden gekonnt durch hochwertige Slapstick oder tiefergehende Story überbrückt, von Zeit zu Zeit schüttelt sich Gunn auch einfach mal eine einzigartige CGI-Kamerafahrt aus dem Regieärmel. Der romantische, halbe Subplot drängt sich nicht auf und plätschert glaubwürdig und angenehm zurücknehmend neben Maschinengewehrfeuer, Raumschiffschlachten und grimmig dreinblickenden Bösewichten daher.

58402_GOTG_Charakter_Banner_A4_0Man kann gut und gerne behaupten, dass Guardians of the Galaxy ein durchaus geglücktes Filmexperiment ist mit übergroßen Cojones ist. Kaum jemand wagt sich bei einer Comicverfilmung an eine quietschbunte Komödie mit dunklen Parts heran, die sich selbst nur in den seltensten Fällen ernst nimmt. Aber genau das macht den Charme des Streifens aus – Es macht einfach Spaß, zuzusehen denn selbst herbe Rückschläge stecken die Charaktere charmant und mit einem kecken Spruch auf den Lippen weg. Kein übertriebener Pathos, keine pseudo-stahlbrüstigen Helden, kein Grau-in-Grau.

Tut euch selbst den Gefallen, und geht ins Kino. Lacht, weint, freut euch, fiebert mit! Guardians of the Galaxy ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, vollgepackt mit schrägem Humor und schrägen Typen, die eines garantiert niemals wird: Langweilig. Mein absoluter Film des Jahres.

(Guardians of the Galaxy startet am 28. August 2014 in den deutschen Kinos)

Auch interessant

Guardians of the Galaxy was last modified: August 4th, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.