Spiele wie God of War gibt es viel zu selten. Ich habe gelacht, ich habe geweint, ich habe geflucht. Ich habe die Hände vor dem Gesicht zusammengeschlagen, gejubelt und mitgefiebert. Etwas, das ich beim Spielen von heutigen Videospielen jeden Tag ein bisschen seltener mache und fast schon der Furcht erlegen war, diese Eigenschaften verlernt zu haben. Dabei sollen Games doch genau das erreichen: Die Spieler begeistern. Oft wird aber lieber versucht, einen Mittelweg zu finden, aus etwas, das man als „schnelles Geld“ und „Grafikprotzerei“ bezeichnen könnte. Selbstverständlich als Multiplayer. God of War allerdings bedient sich keiner dieser Mechaniken. Gut, die Grafik ist so ziemlich das beste, was man momentan auf einer PlayStation 4 bekommt, das Kern- und Herzstück des Spiels ist allerdings die Spielererfahrung.

Mit eigener Geschwindigkeit vorwärts gehen

Diese Spielererfahrung setzt Sony zusammen aus vielen verschiedenen Faktoren; Gameplay, intuitive Steuerung, visuelle Effekte, Story, Emotionen und Musik. Der wichtigste Faktor ist allerdings das Pacing, das sich der Spieler selbst zurechtlegen kann. Ohne den Zwang mit anderen Gamern zusammenzuspielen, die oft die Gangart des Spiels vorgeben, kann der Spieler in God of War seine Geschwindigkeit vollkommen selbst bestimmen. Ob das durch die jederzeit verstellbare Schwierigkeitsstufe oder das „freie“ Erkunden der offenen Welt, das man den Storymissionen jederzeit vorziehen kann, sichergestellt wird, stellt auch wieder vollkommen nach dem Gusto des Taktgebers am Controller. So und nicht stelle ich mir ein Videospiel vor. Viele kleine Details, über die sich die Macher tatsächlich viele Gedanken gemacht zu haben scheinen, hieven God of War auf eine neue Stufe der Metaqualität.

Dabei war das, was mir geboten wurde, nicht das, was ich erwartete. Sämtliches Videomaterial, das uns Sony vor Release kredenzte, schien mir im Vergleich mit den Vorgängern ordentlich an Tempo verloren zu haben. Keine Kombojagd in den Tiefen des Hades mehr, vielmehr ein Dark-Souls-Verschnitt im Schnee. Dass dies nicht so sein sollte, merkte ich spätestens beim ersten „echten“ Bosskampf im Spiel. Eine ungeheure Dynamik lässt das alte Ausweich-Block-Angriff-Spiel in neuem Glanz erstrahlen. Eine wohlbekannte Spielmechanik wird hier mit einer neuen Denkweise vermischt; so geschmeidig habe ich selten ein Spiel erlebt. Alleine das Gameplayelement der Axt von Kratos ist etwas, was ich in dieser Form noch nie erlebt habe. Ganz im Stile von Marvels Thor schleudert der spartanische Hüne seine Waffe auf Gegner und kann sie im selben Atemzug wieder zurück in seine Hand rufen. Das sieht nicht nur atemberaubend aus, sondern ist auch noch in einem Maße benutzbar, das meine Befürchtung, das Kampfsystem könnte zu träge werden, im eisigen Nordwind verweht.

Understatement in Spielform

Dabei ist die Prämisse für die Story etwas, was auf den ersten Blick sehr beliebig und langweilig erscheint. Nach dem Tod von Kratos‚ Frau, begibt sich der ehemalige Kriegsgott, der jetzt im hohen Norden als Mensch lebt, zusammen mit seinem Sohn Atreus auf die Reise zum höchsten Berg um dort die Asche der Verstorbenen zu verstreuen. Jedoch übt sich God of War hier, wie auch in jedem anderen Aspekt, in ergebener Bescheidenheit, denn es kommt vollkommen anders, als man denkt. Von einem Moment auf den nächsten sind Leib und Leben der beiden Kämpfer bedroht, was vor allem an Kratos‚ vorherigen Taten liegt. Leider versäumt das Spiel aber, dem Spieler wichtige Plotpunkte aus den vorherigen Teilen zu erklären oder das Gedächtnis aufzufrischen. Neueinsteiger in die Serie sollten sich gegebenenfalls vorher kurz über die grobe Storyline informieren, weil sonst wichtige Aspekte nicht verstanden werden könnten.

Der Punkt, der mich an God of War am meisten fasziniert hat ist, dass der Spieler dazu verleitet wird, zu denken, dass Kratos und sein Sohn Atreus die beiden Protagonisten sind. Vielmehr ist allerdings Kratos verstorbene Frau als verbindendes Element zwischen Vater und Sohn die klare Hauptfigur. Sie leitet die beiden durch die Welt, ohne auch nur ein Mal wirklich anwesend zu sein. Sie gibt ihnen vor ihrem Tod ein klares Ziel, eine Aufgabe, einen Grund, weiterzumachen und lässt sie auch in schwierigen Zeiten nicht allein. Denn Kratos‚ und Atreus‚ Verhältnis ist alles andere als optimal. Kratos, der hünenhafte Krieger hat eine andere Vorstellung vom Leben und vom Kampf als der junge und ungestüme Atreus, der einfach nur die Anerkennung seines Vaters möchte. Dazu kommt, dass beide auf unterschiedliche Arten und Weisen mit ihrer Trauer umgehen. Während Atreus offen seine Mutter beweint und stets um ihr Andenken bemüht ist, verbirgt der Kriegsgott seine Trauer und frisst diese als Wut in sich hinein. Das Unverständnis für die Situation des jeweils anderen wird zur tickenden, emotionalen Zeitbombe, die nur darauf wartet, zu explodieren.

God of War ist spielgewordenes Understatement, das dem Spieler in regelmäßigen Abständen Emotionen, Wut und Spielfreude um die Ohren feuert, als wäre es Kratos persönlich. Statt langsamem Ausweichkampf wartet God of War mit individuellen Schlachten auf, die viel Fingerspitzengefühl erfordern. Statt sinnloser Prügeleien bietet God of War eine emotionale Achterbahnfahrt voll Trauer und Liebe. Statt dem Kriegsgott als Hauptfigur bietet God of War eine unsichtbare Verbindung zweier Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und statt einer vermeintlich öden Geschichte bietet God of War wohl die tiefgreifendste Geschichte des Spielejahres.

Fazit

Diese Feinfühligkeit in allen Aspekten, die Hingabe, mit der das Team in den letzten fünf Jahren sein Spiel geformt hat und das clevere Spieldesign machen God of War zu einem meiner Lieblingsspiele der letzten Jahre. Etwas, was Sony mich regelmäßig über ihre Exklusivtitel denken lässt und meine Hoffnungen für Single-Player-Spiele aufrecht erhält. Das einzige Problem ist, dass ich jetzt wohl erstmal über kommende Veröffentlichungen „…aber ist halt kein God of War“ sagen werde. Zumindest so lange, bis ein God of War 2 rauskommt.

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God of War was last modified: Mai 8th, 2018 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.