Mit ihrem neuen Baby namens Tyranny (wenn ihr das Spiel googelt, auf keinen Fall das erste Y vergessen) versprechen Obsidian Entertainment ein neues großes Kapitel in der Geschichte der traditionsreichen Rollenspielmacher. RPG-Fans dürfen gespannt sein, denn schließlich geht es hier um die Macher von Neverwinter Nights 2, Southpark: The Stick of Truth und einem meiner Lieblingsspiele dieser Dekade – Pillars of Eternity (die beiden White March-Addons natürlich eingeschlossen). Groß, enorm nonlinear bis zu dem Punkt, an dem sich keine zwei Durchgänge gleichen sollen und mit 600.000 Zeilen Dialog wird Tyranny ebenfalls ein ziemliches Epos. Schon witzig… 1999 und kurz danach hatten wir Rollenspieler drei Spiele, die quasi Hand in Hand gegangen sind und von denen alle drei inzwischen geliebte Klassiker geworden sind: Baldur’s Gate, danach Planescape – Torment und dann Baldur’s Gate II – Shadows of Amn. Rechnet man Pillars of Eternity mit ein, haben wir jetzt wieder drei große RPGs: Pillars, Torment – Tides of Numenéra (das wir zuletzt hier besprochen haben) und jetzt Tyranny. Es muss eben doch nicht immer etwas Schlechtes sein, wenn sich die Geschichte wiederholt.

Tyranny 2

In der optisch sehr stylischen Welt von Tyranny hat die große Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse bereits stattgefunden und die Guten haben ausnahmsweise mal verloren. Die Armeen von Overlord Kyros haben die Lande in Blut und Finsternis getaucht und bis auf einen kleinen Landstrich liegt die gesamte Bevölkerung unter einem eisenen Joch. Ein bisschen so, wie mit Asterix und den Römern, wenn Julius Caesar ein unsterblicher, finsterer Halbgott mit magischen Kräften gewesen wäre.

Spieler übernehmen dabei nicht zwangsweise die Rolle eines noblen Widerstandskämpfers oder ähnlichen Standardkrams, sondern sind ein Neuzugang in der Organisation der Fatebinder. Fatebinder sind so eine Art wandernder Inquisitor, Kopfgeldjäger, Richter, Geschworener und Henker in einer Person. Klar, dass die von den meisten Leuten mehr als alles andere gefürchtet werden. Wann immer es irgendwo ärger gibt und die Aufmerksamkeit der Fatebinder heraufbeschworen wird, heißt es meistens ducken und sich irgendwo verkriechen, weil diese auch gerne mal zwanzig Mann aus einem Dorf hängen lassen, nur weil sich unter den Gehängten ein einzelner, gesuchter Verbrecher befindet. Life is cheap. Natürlich kann man versuchen, sich mit den meisten Leuten gut zu stellen und Milde walten zu lassen, aber häufig dürfte es in einem Fiasko enden, wenn man allzu weich mit seiner Umwelt umgeht. Nicht vergessen: Das Leben ist in dieser Welt nicht mehr viel wert und jeder hat irgendwelche versteckten Motive. Ob guter oder böser Bulle, das liegt aber letztlich an einem selbst.

Diese Rolle als elitärer Wahrer der öffentlichen „Ordnung“ soll einem von Anfang an ein gewisses Gefühl von Macht geben. Ihr werdet keine zwanzig Wildschweine fangen oder irgendwelche Drecksarbeit erledigen müssen, denn ihr seid ja bereits schon auf einer höheren Stufe der Gesellschaft angekommen. Übrigens wird es auch Auswirkungen haben, welchen Hintergrund man für den eigenen Charakter während dessen Erschaffung am Anfang auswählt. Jemand der mal Gladiator war, hat andere Expertisen auf anderen Gebieten, als ein Kriegsmagier oder Diplomat. Diese Hintergründe werden an Schlüsselstellen zum Tragen kommen, etwa in Verhandlungen mit unterschiedlichen Gruppierungen oder während Abenteuern in Dungeons. Je nachdem, wie man sich dann verhält, kann das das Aussehen ganzer Landstriche beeinflussen, was wiederum andere Folgequests nach sich ziehen könnte, etc. Diese Art von veränderbarer Spielwelt, wenn Obsidian das wirklich im angepeilten Maßstab hinkriegen, könnte ein echtes Novum im Genre sein und ist, für ein Spiel dieser Größenordnung mit vielen hundert Spielstunden, ein absolutes Mammutprojekt.

Tyranny 1

Die Charaktere allgemein sind komplett frei von Klassen, d.h. Fähigkeiten und Ausrüstung können beliebig miteinander kombiniert werden. Manche Kombinationen sind dabei allerdings auch sinnvoller als andere. Klar, ein besonders geschickter Charakter könnte auch eine Plattenrüstung tragen und trotzdem schleichen, allerdings braucht es eine MENGE Geschick, um das auch hinzubekommen. Besonders interessant ist allerdings das Zaubersystem. Festgelegte Zauber und magische Fähigkeiten wird es nicht wirklich geben, sondern alles kann frei vom Spieler selbst erstellt werden. Man wählt ein Element (Feuer, Eis, etc.), einen oder mehrere sog. Akzente (Geschoss, Kegel, Schild, usw.) und mehrere andere Modifikatoren, die den Zauber mächtiger, aber auch schwieriger oder teurer machen. Das einzige Limit dabei sind Runen, die erst in der Spielwelt gefunden werden wollen. Na gut, das und ein wert namens Lore, der den Magiewert der eigenen Charaktere widerspiegelt.

Tyranny Charakter

Tyranny hat das Zeug dazu, wirklich interessant und variantenreich zu werden, wie man es nur in sehr wenigen Spielen zuvor gesehen hat. Da es sich auch hierbei wieder um ein Rollenspiel der alten Schule mit isometrischer Draufsicht und Gruppengameplay wie in Pillars of Eternity handelt, sind auch die klassischen, jederzeit pausierbaren Taktikkämpfe wieder mit von der Partie. Die wahre Stärke liegt aber in der coolen Prämisse von moralisch fragwürdigen Antihelden und der sich stark verändernden Welt. Ich hoffe wirklich, dass Obsidian das alles hinbekommen, dass das Writing mithalten kann und wir als Gamer mit Tyranny und Tides of Numenéra in der nahen Zukunft gleich zwei riesige, wundervolle klassische RPGs mit tollen Geschichten und Gameplay fürs Hirn bekommen. Ich freu mich drauf!

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gamescom 2016 – Tyranny was last modified: August 29th, 2016 by Jan Homrighausen

Mag clevere Videospiele, laute E-Gitarren und gute Bücher. Killt in seiner Freizeit gerne Mutantenhorden, Verbrechersyndikate, gefallene Götter, außerirdische Imperien und allerlei anderes Kroppzeug, das sich nicht benehmen kann. Fantasy- und Sci-Fi-Nerd durch und durch.