Zugegeben, bei Detroit von Quantic Dream möchte man beim ersten Hinschauen an einen Abklatsch von Deus Ex denken. Die Parallelen liegen auf der Hand: Es spielt in einer hochtechnisierten nahen Zukunft. Es spielt in den USA in Detroit, wobei beide Spiele uns immer noch ein Erklärung schuldig sind, wie die Metropole es geschafft haben könnte, wieder bewohnbar zu sein und keine verlassene Geisterstadt mehr. Es geht um die Frage, wo die Maschine aufhört und der Mensch anfängt bzw. umgekehrt. Selbst wenn man davon absieht, sitzt immer noch David Cage als Director am Steuer („Emotionnnsssss!!!“), dessen Werk zuletzt mit Beyond: Two Souls von 2013 die Menge ja eher gespalten hat, während Vorgänger Heavy Rain auch heute noch eine breite Fanbase hat. Schaut man jetzt aber mal hinter die Oberflächlichkeiten, kommt einiges an Adventurepotential und guten Ideen zum Vorschein und alle Gedanken an die zuvor genannte Actionreihe verschwinden. Fast.

Detroit 2

Die Tagline von Detroit lautet „Become Human.“ Offensichtlich wird Technik auch hier wieder eine Rolle spielen, aber anders als man glaubt. Nicht die Menschen selbst haben sich nach transhumanistischer Sitte vercybern lassen, sondern sind inzwischen in der Lage, hochentwickelte Androiden zu bauen, bis zu dem Punkt, da sie optisch nicht oder kaum von normalen Leuten zu unterscheiden sind. Im Labor gezüchtetes Detroit BeitragGewebe, lebensechte Körpersprache, realistische Bewegungsabläufe… All das macht die Metallmenschen täuschend echt. Man kann sich sogar mit ihnen unterhalten und sich fast mit ihnen anfreunden, allerdings fehlt etwas zur richtigen Persönlichkeit: Selbstbestimmung. Jeder Androide muss nämlich immer noch für seine Arbeit programmiert werden, die er oder sie dann ohne Fehl ausführt und die vermeintlichen Emotionen, die so eine Maschine in der Konversation zeigt, gehen letztlich auch nicht über ein höfliches Lächeln hinaus. Dies ändert sich allerdings schlagartig eines Tages, als allem Anschein nach zufällig manche der menschenähnlichen Roboter verschwinden, während andere völlig durchdrehen. Plötzlich behaupten sie von sich, keine Sklaven mehr sein und sich vom menschlichen Joch befreien zu wollen. Sie hätten Gefühle, Bedürfnisse, ja, sogar Rechte! Kaum ein normaler Mensch würde wahrscheinlich positiv darauf reagieren, wenn die Kaffeemaschine zusammen mit dem Kühlschrank und dem Ofen plötzlich eine Gewerkschaft gründet und nach Gehalt verlangt und genauso sieht es auch hier aus.

Deswegen wird Connor gebaut und auf den Plan gerufen, seines Zeichens ein spezieller Polizeiandroide, der nur zu dem Zweck geschaffen wurde, um die „defekten“ Modelle zu verstehen, zu jagen und einzufangen, damit sie entweder „repariert“ oder geschrottet werden können. Sehr bald schon, muss aber auch er sich fragen, ob er eigentlich mit seinem Dasein zufrieden ist…

Detroit 3In der Präsentation von Detroit auf der Messe gab es mehrere Herangehensweisen an die gleiche Situation zu sehen: Der „Babysitter“ Daniel hat plötzlich Emotionen bekommen und gemerkt, dass er ersetzt werden soll. Daraufhin hat er aus Wut (die ihn völlig überwältigt hat, weil neu und ungewohnt) den Vater seiner Besitzerfamilie erschossen, deren kleine Tochter auf dem Dach als Geisel genommen und droht zu springen. Connor soll mit der Polizei zusammen arbeiten und ihn dazu bringen, die Tochter frei zu lassen. Im ersten Durchspielen der Szene hat Connor den Schlafzimmerbereich der Wohnung, sowie die Küche durchsucht und mit einem der dortigen Polizisten gesprochen. Wohl gemerkt, dass die Zeit nebenbei beständig weiterläuft, sich also die Erfolgsaussichten auch zum negativen oder positiven verändern können. Connor findet einiges über Daniel heraus, es sieht nicht ganz so schlecht aus, aber im Zuge des Gesprächs findet er keinen Zugang zu ihm – Der Androide möchte nicht aufgeben und zerstört werden, weshalb er mit dem Mädchen im Arm aus dem 30. Stock in die Tiefe springt. Im anderen Durchgang durchsucht Connor das Zimmer der Kleinen, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer. Anhand der dort gesammelten Spuren kann er nun den richtigen Tathergang herstellen. Schlecht nur, dass die Zeit durch die aufwendigere Suche sehr knapp geworden ist. Aufgrund der anderen Hinweise bekommt Connor aber neue Dialogoptionen und obwohl ein bisschen taktiert werden muss, gelingt es ihm, Daniel zur Aufgabe zu bewegen.

Es wurde stets betont, dass beide Ausgänge das Spiel entsprechend beeinflusst und zu anderen Situationen und Dialogen geführt hätten. Im Spielverlauf könnten Connor oder der andere bislang bekannte spielbare Charakter, die Androidin Kara, sogar sterben und die Handlung würde weiter gehen. Ganz in der Tradition von Quantic Dream sieht auch Detroit großartig und detailliert aus. Wenn nun noch die erzählerische Spannung aus der dargestellten Szene WIRKLICH das ganze Spiel hindurch aufrecht erhalten werden kann und die eigenen Entscheidungen wirklich das Spielgeschehen wie versprochen beeinflussen, dann könnte es sehr bald ein sehr gutes Detektivadventure á la Bladerunner auf der PS4 geben. Dazu braucht es allerdings auch gutes Gameplay, wie zum Beispiel Puzzle und Investigationsarbeit und gerade in diesem Sektor haben sich Quantic Dream in der Vergangenheit ein wenig schwer getan. Geil aussehen allein reicht jedenfalls nicht.  Wollen wir mal hoffen, dass diesmal nicht wieder alles eher zum interaktiven Film wird. Ich jedenfalls bin sehr gespannt und fürs erste optimistisch.

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gamescom 2016 – Detroit was last modified: August 25th, 2016 by Jan Homrighausen

Mag clevere Videospiele, laute E-Gitarren und gute Bücher. Killt in seiner Freizeit gerne Mutantenhorden, Verbrechersyndikate, gefallene Götter, außerirdische Imperien und allerlei anderes Kroppzeug, das sich nicht benehmen kann. Fantasy- und Sci-Fi-Nerd durch und durch.