Kaum ein Franchise blieb von den Jungs und Mädels von Telltale unangetastet, und das Portfolio wird in Zukunft mit Titeln abseits spezieller Nischen erweitert. So erwarten uns Titel aus der Batman– oder Marvelreihe (worauf ich sehr gespannt bin). Eines der jüngst in Gänze erschienenen Schätzchen ist die Telltale-Fassung von Game of Thrones. „In Gänze“ deshalb, da die Spieleschmiede ihre Titel gerne in Episodenform mit viel zu großem Abstand voneinander, in die digitalen Stores des Welt stellt. Nun ist Game of Thrones (vom dem wir auch ein Review zur Risiko-Fassung haben) als vollständige Edition auf Disc erschienen, und zwar so, wie man das eben so macht: Nach Release der digitalen Fassung, nicht, wie Minecraft das beispielsweise macht, fast zeitgleich mit Erscheinen der ersten Episode. Sprich: Das gesamte Spiel befindet sich auf der mitgelieferten Disc. Keine Download-Codes, allerdings auch keine Extras. Lediglich die sechs Download-Episoden in unverfälschter Form werden geliefert. Da stelle ich im Vorfeld die Frage, ob es da nicht günstiger ist, bei einem Digital-Sale zuzugreifen, anstatt sich für ca. 40 Euro die PS4-Retail zu kaufen. Gut, ich hab auch lieber die Disc im Schrank stehen, schließlich will man zeigen, was man hat.

Bekannte Gesichter

Abseits der Fragestellung, ob man jetzt zwingend die physische Kopie braucht, geht es an dieser Stelle ja eigentlich um das Spiel selbst, also das, was Telltale da bis vor einigen Wochen häppchenweise unter das kaufwillige Volk (ja, ich habe den Season-Pass selbst gekauft.) unters Volk warf. Eine Geschichte, die einige Schnittpunkte zur TV-Story von Game of Thrones hat, die allerdings keinerlei Auswirkung auf selbige haben. Was hier in interaktiver Form dargeboten wird, ist ein eigenständiger Handlungsstrang, der von den Geschehnissen in Westeros und Essos inspiriert wurde. Bekannte Figuren aus der TV-Serie bekommen aber dafür von den Originaldarstellern ihre Stimmen spendiert, was die Immersion ins GoT-Universum erleichtert. So begegnen uns auf unserem Weg Charaktere wie z.B. Jon Snow, Margery Tyrell, Ramsay SnowTyrion Lannister und Danarys Targaryen. Der innere Fanboy jubelt jedes Mal, wenn eine bekannte Figur auf dem Bildschirm erscheint, erleichtern sie doch die Game-of-Thrones-freie Zeit (Im April geht es übrigens mit der neuen Staffel weiter).

Da sich die bisherigen Spiele zu Game of Thrones eher mittelmäßiger Beliebtheit erfreuten, bestand George R.R. Martin darauf, dass das Adventure von „einem Studio stammt, das weiß, wie man spannende und interessante Handlungen erschaffen kann“ (via). Und objektiv betrachtet ist Telltale genau das gelungen. Die Diskussionen mit HBO um die Rechte dauerten zwar ungefähr ein Jahr, letztlich wurde man sich dann aber doch einig, wie das Produkt auszusehen hat. Und mit den Rechten in der Tasche, kreierten Telltale ein stimmiges Game im altbekannten Stil. Die aquarellartigen Figuren und Umgebungen fügen sich perfekt in die Welt von Westeros ein, auch wenn diese einen Ticken zu bunt sind. Die Synchronschauspieler sind (zum Teil) großartig (und zum anderen Teil hundsmiserabel, mit schlechten Akzenten. Zum Glück tauchen diese Ausnahmen nie gleichzeitig mit den „echten“ Schauspielern auf, sonst würde man die Kluft noch stärker erleben.) und die Musik vorzüglich. Lediglich die Performance der Engine, mit der das Entwicklerstudio ja seit der ersten Stunde Probleme hat, ist nicht das Gelbe vom Ei. Da muss dringend etwas gemacht werden, auch wenn sich das seit The Walking Dead schon stark gebessert hat. Das war ja seinerzeit auf der Xbox 360 fast unspielbar.

Keine Steigerung

Wir schlüpfen in die Rollen von verschiedenen Protagnonisten. Das ist relativ ungewöhnlich für ein Telltale-Spiel – Bisher durften wir das nur im großartigen Tales from the Borderlands, und selbst da waren es nur zwei. Game of Thrones bietet die Möglichkeit, insgesamt vier (oder fünf. Weiß auch nicht mehr.) Figuren zu steuern, die alle eine Verbindung zueinander haben. In diesem Fall ist dies die Herausforderung, das Fortbestehen des Hauses Forrester zu sichern, das nach und nach in immer größere Schwierigkeiten gerät. Dabei ist eine Episode des Spiels nicht mit einer Episode der Serie gleichzusetzen. Während die letztgenannte ein hervorragendes Pacing an den Tag legt und die Spannung konstant aufrechterhalten kann, kann das Game hier nicht ganz mithalten. Alles wirkt sehr langsam und erzwungen – Die Messlatte, die mit Episode 1 gelegt wurde, wird in den folgenden fünf Teilen nicht einmal mehr berührt. Das ist sehr schade, ist das Potenzial doch durchaus vorhanden.

Die Spielerentscheidungen sind, wie man es mittlerweile gewohnt ist, nur bedingt ausschlaggebend. Am Ende zählen vielleicht zwei gegangene Wege, um den Ausgang der Geschichte zu verändern. Das ist jedoch die große Ausnahme im Pool der Telltale-Games. Denn oft verläuft alles von vorne bis hinten linear, was aber nicht schlimm ist, wenn die Story stimmt. Und dies ist, trotz der vielen GoT-typischen Momente, hier leider nicht der Fall. Zu wenige starke Figuren, die wirklich im Gedächtnis bleiben, können nicht dafür sorgen, dass hier wirklich Leidenschaft für das Spiel und seine Geschichte entbrennt. Und die Charaktere versumpfen entsprechend in einer grauen Masse aus Gleichgültigkeit, in der sich kaum jemand darum schert, ob sie leben oder sterben. Was sich dann natürlich auch auf meine Entscheidungen auswirkt. Gegen Ende wollte ich einfach nur noch die Endcredits sehen und war auch nicht besonders betrübt, als ein weiterer Protagonist das Zeitliche segnete.

Spielen, wegstellen, Serie gucken.

Schlecht war das unterm Strich alles nicht, denn Spannung und eine facettenreiche Haupthandlung definieren den äußeren Rahmen des Adventures auf professioneller Ebene. Das echte Game-of-Thrones-Feeling kann in seiner Dunkelheit, seiner Dramatik und seiner Verbundenheit nicht wirklich aufkommen. Die prominenten Sprecher und ihre Figuren retten das Ganze vor der Mittelmäßigkeit. Einen Durchlauf kann man sich schon erlauben, der Wiederspielwert ist allerdings relativ gering, zumal die Platin-Trophäe (für PS4-Spieler) mit Anlaufen der letzten Credits simpel verdient ist.

Was mich wieder zu meiner anfänglichen Frage bringt: Brauche ich zwingend die Disc-Version? Worauf ich wieder mit meiner obigen Antwort komme: Nicht wirklich. Nur wenn man es dringend im Regal stehen haben möchte. Alles anderen können die Downloadvariante spielen und sollten dies auch tun, wenn sie Tales from the Borderlands und Life is Strange bereits durchhaben.

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Game of Thrones was last modified: Februar 3rd, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.