Lange, lange habe ich darüber nachdenken müssen, was ich von der jüngsten Installation aus dem Final Fantasy-Universum halte. Lange Zeit vor Release feuerte Square Enix Screenshots und Videos ins Netz, die mir regelmäßig die Tränen in die Augen schießen ließen. Vor Lachen. Denn die vier Hauptcharaktere sind die digitalgewordene Schmalzlockigkeit. Eine japanische Boyband in schwarzem Leder, die in ihrem Douchemobil durch die Spielwelt fährt und dabei unerträglich schmierig aussieht. Man möchte sich erbrechen. Allerdings handelt es sich bei Final Fantasy um eine meiner liebsten Videospielserien (auch wenn sich hier in der jüngeren Vergangenheit mehrere Fauxpas geleistet wurden), weswegen ich dem Spiel eine Chance gebe, sich zu beweisen. 50 Millionen verkaufte Exemplare innerhalb der ersten Woche können sich ja nicht irren, oder?

Nach mittlerweile sehr, sehr vielen Stunden ingame kann ich sagen, dass mit Final Fantasy XV wirklich gut gefällt. Die Charaktere sind immer noch douchy bis der Boybandarzt kommt, das, was Square Enix da allerdings im Gesamtkonzept aus dem Hut gezaubert hat, ist grandios und weit mehr als das „Guilty Pleasure“, als das ich den Titel in den ersten Spielstunden betrachtet habe. Denn der 15. Teil der Reihe hat weit mehr unter der Haube als dämliche Frisuren und schwarzes Leder.

Ein Augenschmaus in schwarzem Leder

Vor allem grafisch kann Final Fantasy XV voll punkten. Nicht nur was die Performance angeht, sondern auch vom von vorne bis hinten durhgestylten Look können sich andere Spiele noch eine Scheibe abschneiden. Zwar werden hier ungewohnter Weise Technologien wie Mobiltelefone und Kraftfahrzeuge verbaut, an dieses Bild einer „realen“ Welt gewöhnt man sich aber schnell. Die offene Welt ruckelt an keiner Stelle, so dass man nahtlos über Straßen fahren kann, die über grüne Wiesen, durch Städte, die an Havanna und Venedig erinnern und in unwirtliche Wüsten führen. Ganz ohne Ladezeiten. Wenn dann aber doch mal geladen werden muss, beispielsweise bei Schnellreisen oder beim Laden eines Spielstandes, dann muss die PS4 ordentlich rödeln. Generell sollte man beim Spielen von Final Fantasy XV sehr viel Zeit mitbringen. Die Autofahrten können gerne mal bis zu 10 Minuten dauern (in denen man nichts machen kann), hinzu kommen die erwähnten Ladezeiten und viele Laufwege, die der Spieler zu Fuß bestreiten muss.

Die Hauptstory ist in ca 50 Stunden durchzuspielen, wenn man allerdings alles sehen möchte, dazu zählen Nebenmissionen, Rennen und die Geheimräume, die die Größe von Dungeons nach dem Endgame sogar noch verdoppeln, der muss noch viel mehr Lebenszeit in das Spiel investieren. Aber da sehe ich eigentlich kein Problem, denn Final Fantasy XV hat sich von einem Spiel, das ist eigentlich gar nicht spielen wollte, zu einem Spiel entwickelt, auf das ich mich freue, wenn ich abends aus dem Büro nach Hause komme.

Neues Kampfsystem, neues Glück

Sobald man das Spiel startet, wird man mit einer Meldung begrüßt, die dem Spieler erklärt, dass Final Fantasy XV ein Spiel für FF-Fans und Neueinsteiger ist. Und das ist auch so vollkommen korrekt. Jedes Final Fantasy erzählt in der Regel eine eigene Geschichte, die in einer eigenen Welt spielt, mit eigenen Charakteren und Regeln. So auch Final Fantasy XV. Allerdings packt der jüngste Sprössling der Reihe regelmäßig Referenzen zu Vorgängerspielen aus. Ich erkenne sehr viel aus Final Fantasy VII (dem, meines Erachtens besten Teil) wieder, aber auch kleine Meta-Seitenhiebe auf andere Rollenspiele wie Kingdom Hearts kommen des öfteren vor. Im Zuge der Neugestaltung wird auch das Kampfsystem immer wieder neu erfunden. Den Großteil der FF-Games begleitet ein rundenbasiertes oder ATB-Kampfsystem, die Standardeinstellung in FFXV ist allerdings der Kampf in Echtzeit.

Dabei stürzen sich Prinz Noctis, der Protagonist, und seine drei Begleiter, die ihre Funktion als Leibgarde erfüllen, in Kämpfe, in denen primär aber nur Noctis selbst kontrolliert werden kann. Hier kann man sich relativ einfach durch Gegner schnetzeln und Erfahrungspunkte sammeln. Besonders im späteren Spiel wird es allerdings immer wichtiger, besondere Attacken und Strategien einzusetzen. So kann Noctis seinen Gefährten Befehle erteilen, Gegenstände verwenden, Götter beschwören und eine Art Teleport(-Warp)-Sprung anwenden, mit dem er sich in Sicherheit bringen oder Gegner angreifen kann.

Dabei erscheinen die Gegner in der offenen Welt weniger zufällig, als man es bisher von Final Fantasy gewohnt war. Vielmehr scheinen die Spawnpunkte festgelegt zu sein, manche kleinere Gegner in der Story erscheinen sogar fest gescriptet, quasi als Jumpscares. Das hilft allerdings dabei, gewisse Situationen beim Erkunden von Eos bereits im Ansatz zu entschärfen. Die Spielwelt ist nämlich gespickt mit Items, die dem Spieler unter die Arme greifen. Die Karte lässt sich nämlich an bestimmten Punkten (Restaurants) aktualisieren, wobei wirklich gute Items und andere Landmarken darauf verzeichnet werden. Das macht Raststätten zu einem unbedingt zu besuchenden Ort für jeden Spieler.

Product-Placement vom Feinsten

Ein absolutes Highlight von Final Fantasy-Games sind seit jeher die Videosequenzen. Diese sind auch bei Final Fantasy XV trotz der grandiosen Grafik immer vorgerendert. Leider zeigen diese besonders in den ersten Spielstunden lediglich etwas aus dem Kontext gerissene Traumsequenzen und Rückblenden, so dass der Spieler nach dem Ende der Filmchen etwas stutzig zurückbleibt. Dafür sehen diese einfach atemberaubend aus, und ich übertreibe hier kein bisschen. Hier werde ich sehr stark an den Final Fantasy-Film Kingsglaive erinnert, der ja quasi die Vorgeschichte zum Spiel erzählt. Genau wie der Film ist auch das Spiel gespickt mit kleineren Produktplatzierungen. Während die Protagonisten in Kingsglaive mit einem schicken Audi durch die Fantasywelt düsen, werden im Spiel Quests um Cup Noodle-Nudelgerichte, inklusive Werbetafeln und Foodtruck gestrickt. Das ist schon echt grenzwertig.

Sprecher und Soundtrack

Final Fantasy XV ist das erste FF-Spiel, das gänzlich in deutscher Sprache erscheint. Selbst die Vertonung ist jetzt auf deutsch, auch wenn ich bereits nach kurzer Zeit den Knopf zum „Auf Englisch stellen“ gesucht habe. Die Stimmen der Hauptcharaktere bewegen sich gerade noch so im Rahmen des Erträglichen, aber was Nebendarsteller angeht, wurde hier wieder in die Restekiste gegriffen. Wahrscheinlich wurden erneut YouTuber oder so ein Volk akquiriert, hier belanglose Dialoge ins Mikrofon zu erbrechen, ein Punkt, der stark an der Gesamtqualität des Spiels (in deutsch) nagt. Unerträglich! Final Fantasy steht da nicht alleine auf weiter Flur. Gute Synchros und Lokalisationen bilden auch im Jahre 2016 trotz des massiven Game-Booms immer noch die Ausnahme. Als gute Beispiele sind hier stets die Arkham-Games zu nennen (auch wenn ich aus Gründen nur noch ungern Werbung für Warner-Games mache) oder auch die Spiele der Gears of War-Reihe.

Ein besonderes Schmankerl bildet der Soundtrack. Und dabei spreche ich nicht ausschließlich von dem OST, der während des Spiels ständig durch die Boxen dudelt. Tolle Songs, die abwechslungsreich die Atmosphäre der stark unterschiedlichen Szenerien untermalt. Ich spreche vor allem von dem kleinen Gimmick während der Autofahren, das aus dem Autoradio Soundtracks von vergangenen Final Fantasy-Spielen rieseln lässt. Zwar ist die Kollektion nicht vollständig und kann in Ingame-Geschäften durch Ingame-Währung erweitert werden, die essentiellen Musikstücke aus Final Fantasy I, VII und XIII stecken aber standardmäßig im Tapedeck.

Final Fazity

Final Fantasy XV erfindet die Reihe nicht neu. Gerade die vielen Referenzen auf vergangene Tage ziehen mich immer wieder zurück in die Hochzeit der JRPGs. Allerdings macht die fünfzehnte Installation der Serie auch vieles richtig. Tolle Grafik, flüssiges Gameplay und die Fähigkeit, viele Spielstunden wie im Flug verstreichen zu lassen bieten unter dem Strich ein großartiges Rollenspiel, das FF-Einsteigern vielleicht etwas zu abgedreht sein könnte. Spielern, die gerne viele hundert Stunden in einem Spiel verbringen, sei Final Fantasy XV allerdings ans Herz gelegt. Prädikat: Besonders Awesome!

Das Lösungsbuch zum Spiel (hier in der Collector’s Edition) ist ein echter Brecher, allerdings sei hier gesagt, dass das Kompendium, das mit toller Karte und hübscher Lithographie daherkommt, mit dem Day-0 Patch schon veraltet ist und besonders Rezepte nicht mehr so wirklich stimmen.

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Final Fantasy XV was last modified: Dezember 16th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.