Alle Jahre wieder rollt das digitale Leder noch etwas aufpolierter über den ebenso digitalen Rasen. FIFA 17 ist wieder da und hat endlich ein Feature, das sogar Sportspielbanausen wie mich sehr lange an der PlayStation 4 fesseln wird. Bis dato konzentrierte sich in den FIFA-Games alles darauf, möglichst viel des ewig gleichen Gameplays zu unterzubringen und den Spieler so oft wie es nur irgend möglich ist, auf dem heiligen Grün verbringen zu lassen. Die neueste Errungenschaft ist allerdings ein Spielmodus, der sich primär auf das Geschehen neben dem Platz konzentriert.

Don’t stop believin‘

„The Journey“ ist ein reiner Singleplayer-Modus, der die Karriere des angehenden Fußballstars Alex Hunter beschreibt. Die geschieht durch viele, sehr lange Storysequenzen, die immer wieder durch Fußballspiele oder Trainingseinheiten unterbrochen werden. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas jemals möglich sein würde, aber EA belehrt mich hier eines Besseren. The Journey ist der erste Modus, der mir im FIFA-Spiel tatsächlich Spaß macht. Dialogentscheidungen à la Telltale Games, tolle grafische Darstellung, überrragende Schauspieler – Einfach großartig! Ganz besonders hervorzuheben ist, dass man die Matches entweder alleine mit Alex Hunter oder mit dem gesamten Team bestreiten kann. Wählt man erstere Option, steuert man tatsächlich nur einen Spieler, ähnlich wie bei NHL. Beim ersten Spiel meines Profis war ich wirklich aufgeregt, als dieser das Spielfeld betritt und die kinoreife Darstellung der Storysequenzen plötzlich umschwenkt auf die gewohnte TV-ähnliche Darstellung eines Fußballspiels.

Sogar die Kommentatoren Wolff Fuss und Frank Buschmann, die dieses Jahr noch ein bisschen unfähiger wirken als 2015, werden hier eingebunden und beschreiben die Karriere des Youngsters in ihren Sätzen während des Spielgeschehens. Wie im letzten Jahr auch, ist die Kommentatorenleistung besonders bei Vertonung abseits des Spielfeldes negativ hervorzuheben. Wenn zum Beispiel der beliebteste Modus, FIFA Ultimate Team, erklärt wird, rollen sich mir sämtliche Fußnägel auf. Schrecklich. Aber wie ein Bekannter mir neulich wieder ins Gedächtnis rief, ist es ja allgemein Usus, als erste Aktion im Spiel, die Kommentatoren auszuschalten.

Alles neu macht die 17?

Titelstar von FIFA 17 ist Marco Reus, der exzessiv im Spiel verbaut wird, sei es als Poster in der Wand von Alex Hunters Zimmer oder als Cameo-Auftritt im The Journey-Modus (sogar mit Sprechrolle – Das ist wirklich unerträglich und fremdschamerregend). Positiv hervorzuheben ist hier aber, dass der Dortmunder endlich Lionel Messi ablöst, der seit gefühlt hundert Jahren auf dem Cover des Sportspielreihe prangt.

Neuer Kampagnenmodus, neuer Coverstar – Ist das das einzig Neue in FIFA 17? Natürlich nicht. Die diesjährige Iteration des Soccer-Spiels läuft auf einer völlig neuen Engine, nämlich der hauseigenen Frostbite-Engine, die mittlerweile fast jedes EA-Spiel befeuert. Von Battlefield über Need for Speed, NHL 17 und jetzt auch FIFA 17. Dabei hat sich grafisch kaum etwas verändert und auch die bekannten (und beliebten) Clipping-Ausfälle, bei denen Spieler ineinander stehen oder sich ungeschickt verhaken, treten nach wie vor auf. Dafür ist die Präsentation besser denn je, denn das ist es, was FIFA ausmacht: Lizenzen, Fangesänge, imposante Opener zum Spiel. Bei den Animationen fällt auf, dass EA hier besonders an den Zweikämpfen gefeilt hat. Die Bewegungsabläufe wirken wesentlich feiner als beim Vorgänger.

Ansonsten hat sich nicht besonders viel am eigentlichen Spiel getan. Längere Laufwege für Spieler, mehr Zweikämpfe im Mittelfeld, etwas härtere Abwehr-K.I., aber da hören die merklichen Neuerungen auch schon auf. Aber wie sagt man so schön? Never change a winning team. EA hat eigentlich keinen Grund, hier fundamentale Veränderungen vorzunehmen, denn das Gameplay von FIFA ist eines der flüssigsten und am bewährtesten auf dem Markt. Diese marginalen Veränderungen an der Spielmechanik bewirken zwar, dass das Spiel etwas langsamer wirkt und Chancen bei Standards und im Strafraum etwas schwieriger Umzusetzen sind, allerdings wird das wohl nur denjenigen auffallen, die hier jährlich reinschauen und hunderte Stunden in digitales Rasenballett investieren.

An keiner Stelle habe ich Ruckler erlebt, oder irgendwelche halbherzig ins Spiel gefeuerte Texturen. Alles ist dermaßen aufpoliert, dass es eine wahre Freude ist. Diese Qualität bin ich von FIFA gewohnt und Electronic Arts wird sich hüten, eines ihrer erfolgreichsten, jährlich wiederkehrenden Spiele, stiefmütterlich zu behandeln. Ein toller Titel mit atemberaubend guter Präsentation, einem neuen, herausragenden Kampagnenmodus und einer aufpolierten Darstellung wird dieses Jahr erstmalig ein Sportspiel auf meine „Spiel des Jahres„-Topliste katapultieren. Wenn ich mir etwas wünschen würde, dann bitte, dass jedes Jahr eine tolle Kampagne mitgeliefert wird, denn die macht wirklich richtig Spaß.

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FIFA 17 was last modified: September 30th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.