Der Polygonball rollt wieder, denn EA Sports haut sein alljährliches Fußballspektakel in die Spieleregale der Fans. Auch wenn Pro Evolution Soccer in den vergangenen Jahren hinsichtlich seiner Absatzzahlen immer weiter zuzulegen scheint, bleibt die FIFA-Serie in allen Belangen auf seinem Thron sitzen.

Das liegt vor Allem an den allumfassenden Lizenzen, mit denen EA hier aufwarten kann. Spieler, Vereine, Fangesänge, Stadien… Wer das Komplettprogramm an Realitätsnähe will, ist hier gut bedient. Die digitalen Konterfeis sehen ihren Echtleben-Vorbildern sogar zum Teil relativ ähnlich, zumindest, was die Riege bekannterer Spieler angeht. Hier verhält es sich allerdings ähnlich, wie bei Titeln der Final-Fantasy-Reihe: Hauptcharaktere (in diesem Fall Starspieler und andere Prominenz) sind bis aufs Muttermal auf der linken Pobacke genau im System, während unbedeutende Nebencharaktere (wie beispielsweise Drittliga-Spieler) meist mit der groben Kelle geschnitzt wurden. Ist aber auch nicht weiter schlimm, denn letztlich spielt doch ohnehin jeder die Bayern. Denn bei dem Run, den die Süddeutschen momentan haben, greift das Live-Rating von Spielern und Mannschaft natürlich positiv in die Performance der Pixelhelden ein.

Witzigerweise scheint aber nicht das reguläre Ligaspiel mit einer hochbewerteten Mannschaft der Favorit der FIFA-Fans zu sein, vielmehr stürzen sich die Glücksjäger in den FUT-Modus – ähnlich wie beim EA-hauseigenen NHL 16. Hier kann sich der geneigte Fußballfan sein FIFA Ultimate Team, kurz „FUT“, zusammenstellen. Nach dem Start mit einer viertklassigen Zufallsmannschaft kann man anfangen Spiele zu bestreiten und dafür FUT-Coins zu verdienen. Diese kann man dann im internen Store gegen Booster-Packs, die je nach Wertigkeit mehr oder weniger kosten, einlösen. Ähnlich wie bei Trading Card Games (z.B. Magic The Gathering, Pokémon, Yu-Gi-Oh, Hearthstone, etc.) kann man dann mit viel Glück wertvolle und spielstarke Fußballprofis erhaschen und diese in sein Team integrieren. Dabei ist darauf zu achten, dass die Teamchemie möglichst hoch ist. Faktoren wie Herkunftsland, Liga und Verein sind dabei essenziell für das Auskommen der Spieler untereinander. Wer sich nicht „versteht“ (in vielerlei Hinsicht), der spielt trotz hoher Spielerwerte, effektiv schlechter. Dass dies zu einem frustrierenden Puzzlespiel werden kann, ist klar – die Belohnung, wenn die Teamchemie nach einigen Boostern und viel Hin- und Hergeschiebe dann endlich 100 beträgt, ist dann aber umso schöner.

Aber nicht nur Fußballspieler warten in den Boosterpacks darauf, ausgepackt zu werden. Auch verschiedene Fußbälle, Stadien, Logos, Trikot-Sets und – Achtung! – Vertrags- und Gesundheitsitems sind hier versteckt. Denn ein richtiger Trainer muss auch darauf achten, dass seine Spieler trainiert und gesund sind. Zudem muss stets ein Auge auf die Restvertragslaufzeit, die sich pro Einsatz im Spiel verringert, gehalten werden.

Wer Spieler nicht mehr möchte oder doppelt hat, kann diese auf dem spielinternen Transfermarkt an den Mann oder die Frau bringen. Umgekehrt können Hobbytrainer sich durch Einsatz von vielen, vielen, vielen FUT-Coins ihr Traumteam zusammenstellen. Die Preise hier sind für Starspieler wie Christiano Ronaldo oder Robert Lewandowski horrend – also fast wie im echten Leben. Der Transfermarkt ist eines der Herzstücke des FUT-Modus, ohne den das System so nicht funktionieren würde.

Ist man dann irgendwann mit seinem zusammengestellten Team zufrieden, kann man den eigentlichen Zweck von FIFA 16 nutzen und endlich auf dem Rasenplatz auf die Kacke hauen. Natürlich nicht nur im FUT-Modus, sondern auch innerhalb einer Manager- und einer Spielerkarriere. Und selbstverständlich im freien Spiel. Und bei Online-Meisterschaften. Schier unzählige Möglichkeiten, sein Talent unter Beweis zu stellen. Die Präsentation der Spiele ist super. Viele Beauty-Shots mit ordentlich Tiefenunschärfe und tollen Animationen lassen die Szenerie bei zugekniffenen Augen fast wie eine echte Sportübertragung wirken. Die atmosphärische Untermalung durch die Echtaufnahmen von Fansgesängen und Gejubel unterstreicht den Effekt.

Lediglich Wolf Fuss und Buschi Buschmann als Kommentatoren bewirken, dass ich mir eine Haushaltsschere in den Gehörgang rammen möchte. Die mögen vielleicht als Kommentatoren im echten Leben was taugen – keine Ahnung, ich schaue normalerweise keine Sportübertragungen – im Spiel liefern die beiden allerdings ein schweres Foul am gesunden Menschenverstand. Sicher, niemand erwartet hier herausragende schauspielerische Leistungen wie bei Arjen Robben, wenn der sich mal wieder im Strafraum lassen lässt, aber zumindest hätte der Dialogregisseur darauf achten können, dass nicht jeder einzelne Satz klingt, wie vom Bildschirm abgelesen. Da hilft es auch nicht, wenn Buschi als Co-Kommentator immer brav Ja und Amen zu Fuss‘ Verdaldiarrhö absondert. Ganz schlimm wird es, wenn Wolf-Christoph in pseudo-dramatischem Tonfall den FUT-Modus erklärt. Man möchte vor Fremdscham im Boden versinken, so schlecht ist das. Hat sich das niemand ein zweites Mal angehört, bevor das so ins Spiel gewandert ist? Der arme Mann verhaspelt sich sogar beim Vorlesen. Schlimm.

Abgesehen davon ist FIFA 16 das umfangreichste FIFA, das jemals das Spielelicht der Welt erblicken durfte. Die neuen Gameplay-Elemente machen das Ganze noch etwas komplizierter als es ohnehin schon ist. Was ist aus dem schönen alten „Laufen-Passen-Schießen“ geworden? Die Variabilität, die das Gameplay jetzt hergibt führt dazu, dass ich zwar gegen einen Achtjährigen gewinne, in Online-Sessions aber regelmäßig zu Null verliere. Wahrscheinlich fehlt mir einfach die Übung. Oder ich bin zu alt. Oder die Sonne hat mich geblendet. Oder mein Controller war defekt. Oder die Kommentatoren lenken mich vom Spiel ab. Die kann man zwar abschalten, aber ganz ohne Dummgesülze fehlt dann doch irgendwie was, oder?

Neben „No-Touch-Dribbling“ (Antäuschen von Dribblings ohne Ballberührung), „Clinical Finishing“ (Berechnung, wie und wo der Ball auf dem Spielerfuß aufkommt) und „Defense Agility“ (Die Abwehrspieler haben bessere Möglichkeiten, Angriffe abzuwehren), den neuen Features während der Rasenzeit, marschieren auch erstmals Frauen auf das heilige Grün. Insgesamt zwölf Frauen-Nationalteams können nun gegeneinander antreten: Deutschland, Australien, Brasilien, Kanada, China, England, Frankreich sowie Italien, Mexiko, Spanien, Schweden und die USA sind mit von der Partie. Ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Alles in Allem macht FIFA 16 unerwartet mehr Spaß als der direkte Vorgänger. Im Vergleich zu FIFA 14 sind das natürlich Welten, auch wenn nur zwei Jahre zwischen den Veröffentlichungen liegen. Die gesamte Präsentation wirkt professioneller, die Animationen und Darstellung des Trikot-Materials des diesjährigen Releases stellen die Versionen, die mittlerweile für circa fünf Euro in ihrer Konsolenfassung zu haben sind, vollends in den Schatten. Bis FIFA 17 dann in ziemlich genau einem Jahr zu haben sein wird, werden Fußballfans die Flagge mit der „16“ (übrigens meine Glückszahl, weil Geburtstag) stolz hochhalten und FUT-Coins ohne Ende ausgeben. Gutes Ding.

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FIFA 16 was last modified: Oktober 8th, 2015 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.