Ich mag ja Far Cry. Ich glaube, ich habe nie eins wirklich beendet, geschweige denn alle Collectibles gesammelt, aber ich mag die Spiele. Was auch der Grund dafür ist, dass ich dem Release von Far Cry Primal entgegenfieberte, und das, obwohl mir das Setting überhaupt nicht gefällt. Aber nach meinem wutentbrannten Rant über das Setting von Assassin’s Creed IV: Black Flag wurde ich eines besseren belehrt (bestes AssCreed!) und gehe es jetzt mal gemächlich und ohne irgendwelche Erwartungen an. Denn so abstrus die Idee eines Edo-Shooters, der im Jahre 10.000 vor Christus spielt, aus ist: Die Reihe ist immer für Überraschungen gut.

Nehmen wir alleine mal Blood Dragon, das Standalone-Addon zu Far Cry 3: Fantastisch abgedreht und saukomisch, trotz des grellbunten Neonscheins, der wirklich alles beleuchtete. Far Cry versucht immer wieder, sich selbst neu zu erfinden, wobei die Grundelemente des Spiels immer gleich bleiben. Primal ist hierbei aber kein Addon oder Standalone-Irgendetwas. Für Ubisoft ist der Titel ein reinrassiger Nachfolger von Far Cry 4. Dabei verbauen die Macher das altbekannte Ubi-Rezept für alles, einschließlich Assassin’s Creed und The Crew: Die offene Spielwelt erkunden, Dinge sammeln sowie Funktürme und Siedlungen einnehmen. Anders als Blood Dragon will Primal mit seinem prähistorischen Setting nicht witzig sein, ganz im Gegenteil. Abgesehen von den unvermeidlichen Charakteren, die eine gewisse komödiantische Erleichterung in den Plot zimmern und den Anspielungen auf andere Spiele, wie das hauseigene AssCreed, ist hier auch hochklassiges Drama angesagt. Klar, zwischen Mammuts und Säbelzahntigern darf man kein Hollywoodscripting erwarten; Grundsätzlich handelt die Story von „Du mich töten! Ich dich töten!“, dafür aber immerhin konsequent von Anfang bis Ende.

Gib Keule!

Unser Held im knappen Fellleibchen heißt Takkar. Er gehört zum Stamme der Wenja und findet sich plötzlich inmitten eines von den feindselig gestimmten Udar bevölkerten Gebiet wieder. Dabei fällt bereits in der ersten Sequenz, einer Mammutjagd auf, dass das Spiel auf eine deutsche Sprachausgabe verzichtet. Das ist deswegen so einfach möglich, weil nicht die Figuren sich nicht auf Englisch unterhalten, sondern eine eigens von Ubisoft entwickelte Sprache sprechen. Diese erinnert in Grundzügen an das, was man heute als indogermanische Sprache kennt, besteht aber ebenso aus viel Gebrüll und allerhand Gegrunze, und das prähistorische Feeling aufrecht zu erhalten. Denn abgesehen von dem modernen HUD, das über der Szenerie liegt, gelingt die Immersion hier sehr gut. Keine Schießeisen, Granaten oder sonstige moderne Technik hindert den Spieler daran, sich dem Ruf der Wildnis herzugeben und durch die Flora von vor zwölftausend Jahren zu hüpfen. Und das meine ich wörtlich. Ohne Autos, Motorräder oder Jetskis, ist man zum Großteil tatsächlich per pedes unterwegs, wenn man nicht gerade ein Mammut oder einen Tiger reitet (was aber leider cooler klingt, als es ist).

Statt Maschinengewehren und Plastiksprengstoff, wie man es aus den bisherigen Far Cry-Teilen gewohnt ist, nutzt Takkar Keulen, Speere und den Klassiker: Pfeil und Bogen. Das fühlt sich fast so an, wie die Shangri-La-Sequenzen aus Far Cry 4, nur mit weniger magischem Mumbo-Jumbo. Denn Takkar hat die atemberaubend coole Fähigkeit, bestimmte Tiere zu zähmen, was sich so spielt wie im vierten Teil der Reihe. Dass das mit einem Mammut als Begleiter etwas umständlich ist, ist klar, deswegen können Tiere wie Säbelzahntiger, Bären, Dachse und Löwen als Companions eingesetzt werden. Außerdem besitzt unser Held eine Eule, die er bei Bedarf losschicken und auf Gegner jagen kann. Das klingt jetzt erstmal total umständlich – ich musst mich auch erst daran gewöhnen – ist in der Praxis aber unglaublich cool. Und praktisch. Denn so wird das erobern von Siedlungen und Außenposten ein regelrechtes Kinderspiel. Man muss die jeweilige Basis nicht einmal mehr betreten; Die Eule markiert die Gegner, der Säbelzahntiger tötet sie. Anschließend marschiere ich grinsend in die leere Zeltstadt und annektiere das Gebiet. Gefährlicher wird es, wenn man durch die Wildnis streift, denn hier herrscht noch die ungezähmte Natur. Keine Wege, nicht einmal Trampelpfade zeigen den Weg. Überall lauern wilde Tiere, böswillige Udar und andere Hindernisse, die Takkar überwinden muss. Das ist zum Teil, auch aufgrund des sehr eingeengten Blickfeldes, gar nicht so einfach. Einzig die Minimap in der oberen Ecke des Bildschirms gibt Auskunft darüber, ob die Route, auf der ich mich momentan bewege, irgendwo hinführt.

Doch woher bekommt Takkar seine Waffen? Einen Laden für prähistorischen Schnickschnack wird es doch wohl kaum geben, oder? Das ist völlig richtig, denn unser Held bedient sich allem, was die Natur, also die einzige Ressource, die es damals gab, ihm bietet. Er sammelt Steine, Holz, Pflanzen und Felle, bastelt sich daraus, was er braucht, und sammelt dann noch mehr, um von bestimmten Bewohnern, die sich seinem Dorf angeschlossen haben, Rezepte für Upgrades verraten zu bekommen. So lernen wir, wie man seine Keule noch stabiler macht, einen besseren Bogen baut, oder sogar Bomben aus einem Bienennest baut.

Far Cry Primal schön. Grunz!

Dabei sieht alles, wie man es ja schon von Far Cry 4, auf dem Far Cry Primal zweifelsohne basiert, gewohnt ist, absolut zucker aus. Tolles, Atmosphärisches Licht, hübsche Texturen… nur die Höhlen sehen aus, wie mit der groben Kelle geschnitzt. Das ist wohl aus Performacegründen geschehen, auch wenn Primal stets butterweich läuft. Vor allem die Ladezeiten (auf der PS4) können hier überzeugen. Je nach Gebiet, in das wir (oder aus dem wir wechseln) dauert der Bildschirm mit dem bekannten Balken lediglich fünf bis zehn Sekunden. Da kann man weder das stille Örtchen aufsuchen, noch schnell mal zum Kühlschrank hechten. Also ganz anders als bei Just Cause 3 zum Beispiel.

Und so jage ich mich durch die Steppe, den Wald und schneebedeckte Einöden. Überall lässt sich Neues entdecken, was einerseits unglaublich spannend ist, auf der anderen Seite aber auch das größte Manko des Spiels ist. Damit, dass die Story uninteressant ist, habe ich ja schon gerechnet, aber dass Ubisoft leider immer noch an ihrem Credo „Mehr ist besser!“ festhält und wieder Unmengen an Collectibles überall in der Spielwelt verteilt, ist wirklich frustrierend. Das ist eine reine Fleißaufgabe, den ganzen Kram (Armbänder, Steine, Missionen, Blahblah) zu suchen und zu sammeln. Mit Spaß hat das leider nichts mehr zu tun. Leider auch ein Bestandteil des oben erwähnten Ubisoft’schen Patentrezeptes, das dringend einer Überarbeitung benötigt. Denn Spiele machen – Das können die Jungs und Mädels eigentlich. Selten habe ich ein Spiel gespielt, das in sich flüssiger und stimmiger funktioniert hat, als Far Cry Primal. Auch saß ich selten wirklich gebannt am Stück vor einem Spiel und habe mit so wenig Geballer und technischem Schnickschnack so viel Spaß gehabt. Statt hunderter Sammelobjekte hätte ich aber nächstes Mal lieber eine packende Story (oder meinetwegen Nebenquests), die das Spiel auf sinnige Art und Weise streckt, und nicht so künstlich, wie es heutzutage offensichtlich Gäbe ist.

Du kaufen Spiel!

Trotzdem stellt Ubi hier ein Spiel auf die Beine, von dem ich nicht erwartet hätte, dass ich so viel Spaß damit habe. Durch die fremd anmutende Sprache bleiben die Charaktere allesamt sehr flach und die Story auf der Strecke, vom Spielspaß her steht Far Cry Primal allerdings ganz oben auf meiner diesjährigen Funliste, zusammen mit Unravel. Ich bin gespannt, was 2016 noch für Überraschungen für uns bereithält.

Far Cry Primal erscheint am 23. Februar 2016 für PS4 und Xbox One, und am 1. März 2016 für PC.

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Far Cry Primal was last modified: Februar 22nd, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.