Es gibt ja viele Dinge, von denen ich niemals gedacht hätte, dass ich sie mal gut finden würde. Einen Adele-Song zum Beispiel. Allerdings hat es mir diese Studio-Live-Version von „When we were young“ wirklich angetan. Oder eben Fallout.

Krieg. Krieg bleibt immer gleich.

Ich habe seinerzeit Fallout 2 gespielt und war nicht wirklich angetan. Genauso konnte ich – wider dem Mainstream – mit Fallout 3 absolut gar nichts anfangen. Ich habe seinerzeit ungefähr zwei Stunden in der postapokalyptischen Welt, die das Spiel über meine Xbox 360 auf meinen Fernseher zauberte, verbracht und mich dann dafür entschieden, das Spiel für unbestimmte Zeit zu pausieren. Aber seitdem ist viel Zeit vergangen. Meine Vorlieben, was Videospiele angeht, haben sich geändert, sind gereift, und jetzt stehe ich hier und halte Fallout 4 in der Hand, fest entschlossen, dem Franchise noch eine Chance zu geben. Meine Twitter-Bubble hat schließlich meistens recht, wenn sie etwas verteufelt oder sich wie Bolle auf ein Release freut.

So hallt seit der Ankündigung des Ödland-Krachers der Tenor, Fallout 4 sei das Nonplusultra an Videospiel, in meiner Timeline wider, weswegen ich mich beugen und dem Spiel wenigstens eine Chance geben musste. Das gebietet der gesunde Menschenverstand. Und siehe da: Ich mag das Ding. Nein, mehr als das.

Arbeiten, Fallout, schlafen

Jeder kennt diese Phasen in seinem Leben, an denen er es kaum erwarten kann, von der Arbeit (respektive Schule) nach Hause zu kommen, sich auf die Couch (oder an den Schreibtisch) zu setzen und seine wertvolle Lebenszeit in digitalen Gefilden zu verschwenden. Manche dieser Phasen dauern länger und tauchen öfter auf, manche dieser Phasen sind kürzer und lassen lange auf sich warten. Nun ist es allerdings wieder „diese Zeit des Jahres„, in der die Spieleindustrie ihr Weihnachtsgeschäft macht und den Kunden mit Releases bombardiert, bis die Geldbörse platzt.

In diesen Monaten (meist sind hier der Oktober und der November eines jeden Jahres das Ziel) sind meine Tage stets damit verplant, diese Releases zu spielen – vorausgesetzt, das Spiel interessiert mich. Da ist meine Zeit verständlicherweise rar gesät. Ich kann einfach nicht jedes Spiel mit der Hingabe spielen, die es verdient, was natürlich auch Franchises affektiert, auf die ich die vorangegangenen 12 Monate gewartet habe. Und jetzt kommt der seltsame Teil. Gerade Fallout 4 bringt mich wieder in eine dieser Phasen, in der ich im Büro sitze und nichts sehnlicher möchte, als mich ins postapokalyptische Ödland zu stürzen, Gegner zu erschießen und die kargen Gebiete zu erkunden. Ich bleibe lange wach, um Quests zu erledigen, obschon ich weiß, dass ich am nächsten Morgen früh aufstehen muss. Dabei habe ich mich aufgrund meiner Erfahrungen doch so sehr dagegen gesträubt.

Doch damit nicht genug. Selbst ich stimme in die Lobgesänge in den sozialen Netzwerken ein, rufe in Gedanken rhythmisch „Fallout! Fallout! Fallout!“ und lese selbst die banalsten Clickbait-News der einschlägigen SI-Sites. So weit ist es also schon mit mir gekommen. Doch woran liegt das? Warum habe ich dieses Spiel so sehr in mein Herz geschlossen?

An der Grafik schon mal nicht. Zugegeben: Hässlich ist das alles nicht, aber state-of-the-art sieht anders aus. Vielmehr erinnert Fallout 4 an ein hochskaliertes Skyrim, dem ich vier Jahre vor F4-Release sehr viel Aufmerksamkeit widmete und somit wesentlich besser in Erinnerung habe, als die Fragmente, die noch vom dritten Teil der Serie in meinem Kopf herumgeistern. Alles wirkt hölzern, besonders die Charaktere. Die Texturen sind schwammig, die Geometrie des Ödlandes mit der groben Kelle geschnitzt. Aber darum geht es in Fallout auch gar nicht, denn das Hauptaugenmerk wurde auf etwas ganz anderes gelegt: Das Erlebnis.

Zerstörte Idylle

Wir schreiben das Jahr 2077. Wir befinden uns in einer alternativen Realität, in der die Menschen zwar optisch noch in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts feststecken, technologisch aber mittlerweile vollständig abhängig von nuklearer Energie sind. Zwischen weißen Gartenzäunen, Cadillacs und diesen Kühlschränken, die in den Neunzigern jeder in Deutschland haben wollte, finden wir also fusionsbetriebene Autos und Roboter, die den Menschen im Haushalt helfen.

Der Protagonist des Spiels wird vom Spieler bestimmt. Sowohl Geschlecht, als auch Aussehen können hier frei definiert werden. Dies ist leider bei vielen Spieler der Teil, an dem ich die meiste Zeit sitze, damit mein Charakter auch so hübsch wie möglich ist. Als ich fertig bin, finde ich mehr über meine Familie heraus. Offensichtlich habe ich eine Frau und einen Sohn, Shaun. Dieser ist noch ein Säugling und macht das, was Säuglinge eben machen: Schlafen und in der Gegend herumschauen. Die Prämisse für die späteren Ereignisse des Spiels wird gesetzt, als es an der Tür klingelt. Dort steht ein Berater von Vault-Tech, der offensichtlich relativ monopolistisch agierenden Firma, die hinter der Technologie steckt, die beinahe alles mit Atomenergie betreibt. Er sagt mir, dass meine Familie ausgewählt wurde, einen Platz im „Vault“ zu bekommen.

Vaults sind Stammspielern der Reihe natürlich bereits mehr als bekannt. Faktisch sind es nichts anderes als Bunker, die dazu da sind, die Bevölkerung im Falle eines nuklearen Fallouts zu schützen. Und damit habe ich schon verraten, wie es weitergeht: Der Worst Case trifft ein. Die Bevölkerung gerät in Panik, alle rennen zum Schutzbunker „Vault 111„. Allerdings dürfen natürlich nicht alle rein, aber meine Familie und ich werden durchgelassen und schaffen es – mehr als knapp – unter die Erde. Dort stellt sich heraus, dass die Bewohner der Vaults kryogenisch eingefroren werden, damit die Erde viele Jahre später wieder bevölkert werden kann.

Während des Kälteschlafs erwache ich und sehe, wie jemand die Kühlkammertür meiner Frau öffnet, die immer noch Shaun im Arm hält. Ein Mann und eine Frau kidnappen meinen Sohn und erschießen meine Ehefrau – und zack – wird es wieder duster. Als ich nach dem zweiten gefrorenen Nickerchen erwache, ist die Welt nicht mehr wie vorher. Über 200 Jahre sind vergangen, seit die Welt im nuklearen Chaos zugrunde ging. Ich habe natürlich jetzt nur einen Antrieb: Meinen Sohn zu finden.

Überhasteter Aubruch

Dieser Einstieg ist zwar glaubhaft, wirkt aber etwas überhastet. Ich habe keine Zeit, eine wirkliche Beziehung zu Frau und Kind aufzubauen, Bethesda scheint darauf zu setzen, dass der Fakt alleine, verheiratet zu sein und einen Sohn zu haben reicht, um die Motivation des Protagonisten zu rechtfertigen. Denn die Reise, die wir auf uns nehmen, ist wahrlich keine leichte. Und jeder Fallout– oder Elder Scrolls-Spieler weiß, wie lange man sich in den Weiten eines Bethesda-Open-World-Titels verlieren kann. Dies ist auch der Grund dafür, dass ich meine eigentliche Hauptquest – die Suche nach meinem Sohn – aufgrund der detailverliebten Nebenaufgaben erstmal in ihrer Priorität nach hinten schiebe und mich darauf konzentriere, meine Siedlungen im Baukastenprinzip auszubauen, verlorene Teddys zu suchen und die vielen kleinen Eastereggs und Gags zu genießen, die überall in der Welt des postnuklearen Bostons versteckt sind.

Als ich dieses Review schreibe, habe ich insgesamt circa 35 Stunden Nettospielzeit absolviert. Was bei anderen Spielen, die preislich auf dem gleichen Niveau liegen, ungefähr vier Mal durchspielen entspricht (ich schiele hier auf die Kampagnen von einschlägig bekannten Shooterreihen), reicht bei Fallout 4 gerade mal für einen ersten Eindruck. Und dabei habe ich schon mehr erlebt, mehr durchgemacht, mehr erforscht und mehr gelacht, als bei allen Call of Dutys dieser Welt. Denn das Gefühl, wenn ich ängstlich durch karges Ödland schleiche, zerfallene Ruinen und Autowracks nach Brauchbarem durchsuche und stets den eisigen Atem von verstrahlten Ghulen oder – Gott bewahre – einer Todeskralle im Nacken spüre, ist schon etwas Besonderes.

Postapokalypische Romantik

So erlebe ich eine Welt, die nach ihren eigenen Regeln lebt. Neonbeleuchtete Kleinstädte, die frisch aus einem Detektivroman stammen könnten, inmitten einer zerfallenen Metropole, die von Raiderbanden und Mutanten beherrscht wird. Verstrahlte Seen, synthetische Menschen, deformierte Tiere – und immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich über Neues staune und neugierig einem Trampelpfad in unerforschtes Gebiet folge. Dabei werden leider bestimmte Mittel etwas überstrapaziert, so dass der Reiz des Unbekannten mit der Zeit etwas verfliegt.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich – WoW-spielend – vor zehn Jahren das erste Mal vor Sturmwind stand und überwältigt war von der Präsentation, der Musik, den epischen Ausmaßen der Menschenhauptstadt. Dies habe ich so kein zweites Mal erlebt, obschon ich viele hundert Male durch die Tore der Burg lief. Irgendwann tritt sich dieser Effekt aus, weswegen ich die Erinnerung an das erste Mal als eine besondere gespeichert habe. Fallout balanciert hier auf dem gleichen Drahtseil, wie WoW es 2005 tat. Das erste Mal, als ein Flugtransporter der Stählernen Bruderschaft über mich hinwegflog, einige Soldaten in Powerrüstung ausstiegen und einen Kampf mit irgendwelchen Zombiemutanten begannen. Großartig. Wenn dies allerdings ab diesem Zeitpunkt an gefühlt alle 30 Minuten stattfindet, ist das sehr schnell nicht mehr so aufregend.

Und überhaupt: Die Sache mit der Powerrüstung verstehe ich noch nicht so ganz. Nach meinem Verständnis war dieses übermächtige (und unglaublich cool aussehende) Werkzeug in Fallout 3 nicht nur unglaublich teuer, sondern auch unglaublich selten, so dass lediglich Spieler, die es bis zum Endgame schafften und gewisse andere Voraussetzungen erfüllten, in den Genuss einer solchen Rüstung kamen. In einer Welt, in der so ziemlich alles (!) knapp ist, sieht man in Fallout 4 diese Rüstungen plötzlich an jeder Ecke. Sogar namenlose Raider, die in irgendwelchen Sackgassen irgendwelcher Gebäude Patrouille laufen, haben eine Powerrüstung. Es geht sogar so weit, dass eine meiner ersten Missionen im Ödland von mir verlangte, in eine Powerrüstung zu steigen und ein Dorf mittels Minigun von Raidern (und einer Todeskralle) zu säubern. Dass ich die Rüstung im Anschluss behalten konnte, versteht sich von selbst. Klar macht das Spaß, wie ein Todesroboter alles niederzumähen, jedoch hatte ich nicht wirklich das Gefühl, mir diesen Umstand verdient zu haben.

Aber das sind Kleinigkeiten. Lappalien. Peanuts. Denn auch 35 Stunden nach Beginn meiner Reise bin ich immer noch Feuer und Flamme. Meine Fallout-Phase hält weiterhin an und obwohl hier Star Wars: Battlefront liegt und sehnlichst darauf wartet, weiterhin bespielt zu werden, verbringe ich meine freie Zeit am liebsten im dystopischen Ödland. Und das ganz ohne künstliche Spielzeitstreckung, Onlinezwang oder 0.1-Prozent-Dropchance auf Raiditems beim Endboss. Fallout 4 bietet viele hundert Stunden „ehrliche Spielzeit“ und mit der kommenden Mod-Unterstützung für Konsolen, die auch bislang einzigartig sein wird, kommen mit Sicherheit bald viele zusätzliche Stunden dazu.

Prädikat: Besonders Awesome!

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Fallout 4 was last modified: November 23rd, 2015 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.