Dieser Exkurs kratzt oberflächlich an der Erzählform der „Dystopie“, welche in vielen populären Videospielen genutzt wird. Anhand einiger Beispiele möchte ich eure Aufmerksamkeit und einhergehend euer Verständnis wecken. Nicht nur kann man so hervorragend Frauen / Männer beeindrucken, auch ein späterer Auftritt bei „Wer wird Millionär“ wird dadurch sicherlich ein Kinderspiel.

Seit jeher wagen Geschichtenerzähler einen Blick in die Zukunft: Gewagte Visionen technischer und sozialer Revolutionen, utopische Träume, dystopische Desaster. Nicht nur Buchautoren wie Mastermind Jules Verne oder Science-Fiction-Ikone Isaac Asimov benutzen ihr Medium als Fernrohr, auch Filmemacher, Musiker und Spieleautoren erschaffen greifbare Fiktion, die ob des pessimistischen Tenors oft als beängstigend empfunden wird.

Eine dunkle Zukunft

Jüngstes Beispiel für solch ein Videospiel kommt aus dem Hause Ubisoft. Das Action-Adventure Watch_Dogs versetzt den Spieler in ein Chicago, dessen Geschicke durch ein einziges, vernetztes Betriebsystem gelenkt werden. Kein Wunder, hat der findige Hacker Aiden Pearce somit vollständigen Zugriff auf sämtliche Daten und Informationen.

Der gläserne Bürger, dessen gesamtes Leben sprichwörtlich in der Hand eines smartphoneschwingenden Schergen liegt – der ironische Unterton ist nicht zu übersehen. Wie gefährlich das sein kann, wenn ein politisch oder religiös motiviertes Individuum eine solche Macht hätte, zeigt das Video „Making the world a better place„. Selbst in der virtuellen Welt eines Videospiels ist ein solches Szenario erschreckend; Hier können selektiv Opfer gewählt werden.

Auch wenn das Video nicht ganz ernst gemeint ist: Diese alternative Version von Chicago ist durch die totale Vernetzung und den IT-Alptraum eines omnipotenten Betriebssystems kein Ort, an dem Bürger ein unbescholtenes Leben führen könnten. Eine klassische Dystopie unter dem Deckmantel einer Geschichte um persönliche Rache, die direkt aus einem Roman von Philip K. Dick stammen könnte. Eine perfekt glänzende, makellose Oberfläche, die den Anschein einer perfekt utopischen Gesellschaft erweckt, mit einem maroden Innenleben.

„I don’t think the technology is fundamentally bad and it’s our main glorification mechanic. But I think it’s one of those things where people can finish Watch Dogs and just think about it and discuss the subject matter.“

Auch der Creative Director von Watch_Dogs, Jonathan Morin, sagt in einem Interview mit TechRadar, dass das Spiel vielmehr ein Weckruf als eine Warnung sei; Das Spiel biete eine Diskussionsgrundlage, über die man nachdenken könne.

Populäre Beispiele

chronotrigger-sfcDoch dieser pessimistische Blick in die Zukunft ist kein Phänomen, welches sich erst in den letzten Jahren entwickelt hat. Selbst Spiele, die der ein oder andere als wunderbare Fantasiewelt in Erinnerung hat, haben immense dystopische Züge. Chrono Trigger aus dem Jahre 1995 zum Beispiel – Square schickt den Spieler durch die Zeit in eine Zweiklassengesellschaft, in der Bewohner ohne magische Kräfte in einem eisigen Exil leben müssen.

Auch Final Fantasy greift das Thema des Machtmissbrauchs und einer unwirtlichen Welt auf. Teil sieben beispielsweise wirft den Spieler in eine Umgebung, in der ein Konzern die Macht über den Planeten übernommen hat und Soldaten als Friedenswächter einsetzt, was letztlich die drohende Vernichtung der gesamten Zivilisation durch die Rache der Natur zur Folge hat. Auch hier wieder ein Weckruf, der einen appellierenden Charakter hat.

Auch die Postapokalypse einer einst blühenden Welt ist ein beliebtes Setting, das immer wieder besucht wird, um die gewünschte negative Konnotation herzustellen; Meist ist ein vorangegangener Atomkrieg der zerstörende Faktor. Ob das nun Beneath a Steel Sky (1994), die Fallout-Serie, S.T.A.L.K.E.R. oder die Metro-Serie ist – In einer atomaren Wüste mit begrenzten sozialen Strukturen ist das Überleben ein täglicher Kampf bar jeder Hoffnung.

A man chooses, a slave obeys.

Um seine Dystopie der Bioshock-Games noch zu unterstreichen, spielen die bekanntesten Werke Ken Levines in einer gescheiterten Utopie, einer untergegangenen vermeintlich perfekten Gesellschaft, die die Grundlage für einen ungewöhnlichen Helden liefert. Rapture – Einst Prunkstück und Ausgeburt der megalomanischen Anmaßungen Andrew Ryans, nun feuchtes Gefängnis für gestörte Geister.

borderlandsWer sich etwas mit der Materie beschäftigt, wird feststellen, dass auch Games wie Borderlands, Half-Life, Deus Ex, Mass Effect, Zelda und Command and Conquer auffällig dystopische Züge ausweisen. Eine schöne neue Welt, meist anschließend an eine Revolte oder einen Krieg, in der die gesellschaftlichen Strukturen Unter- und Mittelschichten nicht den Lebensstandard bieten, der adäquat wäre, weil ein tyrannisches Regime die Macht an sich gerissen hat. Der Held hinterfragt (und kippt) die Autokratie und regt den Spieler zum Denken an.

Grundlegender Aufbau und Selbstversuch

Doch wieso funktioniert dieses stilistische Mittel so gut? Was ist das Geheimnis der dystopischen Erzählung? Meist ist relativ wenig nötig, um den Spieler in das Setting zu pressen, ihm das nötige Gefühl zu geben, etwas gegen die vorherrschende Situation unternehmen zu wollen. Dazu reicht meist, den Status Quo zu schildern, der von der gewohnten Situation abweicht, aber immer noch Elemente aus dem Hier und Jetzt einfließen lässt. Wie auch bei Watch_Dogs werden aktuelle Entwicklungen, technischer und politischer Natur für jene Analogien herangezogen; Die Warhammer 40.000-Serie bedient sich auch religiöser Elemente um den Kampf der Menschheit gegen außerirdische Völker und dämonische Horden zu erzählen.

Ähnlich wie im modernen Heldenepos kann man sich an einigen Eckpunkten orientieren um herauszufinden, ob die vorliegende Storyline eine Dystopie ist oder nicht.

  • Ein der Story vorangegangener Krieg, eine Revolte oder eine Katastrophe
  • Einschränkung der Lebensqualität der Bevölkerung, materieller oder emotionaler Natur
  • Verquere gesellschaftliche Strukturen, die nicht unserem Verständnis entsprechen
  • Eine überwachende und regulierende Übermacht, meist in Form eines Konzerns oder einer Bürokratie
  • Ein Protagonist, der meist als Märtyrer auftritt und das Regime bekämpft, oft ein Antiheld

Das nächste Mal, wenn ihr ein Spiel spielt, bei dem euch etwas komisch vorkommt, wagt den Selbstversuch: Findet anhand der oben aufgezählten Punkte heraus, ob ihr inmitten einer Dystopie steckt, was zur momentanen Situation führte und wovor die Geschichte warnen soll.

Viel Spaß :)

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Digitale Dystopie – Visionen der Zukunft in Videospielen was last modified: Juni 11th, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.