Was haben Harry Potter, Luke Skywalker und Spider-Man gemeinsam? Sie alle sind nur Variationen ein und desselben Helden.

Obacht! Dieser Artikel wird in den wenigsten Fällen durchgegendert und beschreibt Figuren oft mit dem generischen Maskulin. Außerdem sind unter Umständen Spoiler vorhanden, die das Ende und/oder den Twist einer Geschichte verraten. Lesen auf eigene Gefahr!

Die 12 Zyklen der Reise

Joseph_Campbell_-_The_Hero_With_a_Thousand_Faces_-_Cover_ReprintEs ist kein Geheimnis – Viele Stories von Filmen, Büchern oder Videospielen ähneln sich sehr. Dabei muss das Setting nicht zwingend gleich sein – Ob Weltraumkeilerei oder Schlachten in mittelalterlichen Gefilden; Was zählt, ist die Grundlage, die sogenannte Heldenreise. Der Mythenforscher Joseph Campbell bezeichnete dieses Fundament in seinem Buch Der Heros in tausend Gestalten (The Hero with a Thousand Faces, 1949) als The Hero’s Journey, James Joyce als Monomythos. Zwölf Zyklen werden auf der Reise vom Start zum Ziel vollzogen. Christopher Vogler, Drehbuchberater (Der König der Löwen), hat diese auf ein einfach verständliches Schema heruntergebrochen, quasi als Anleitung für andere Schreiberlinge: Ausgangspunkt ist die gewohnte, langweilige oder unzureichende Welt des Helden, das Ziel ist stets ein neues Leben. Auch Charaktere werden in ihren Grundzügen fast immer beibehalten und können die Geschichte definieren: Der Held / die Heldin, ein Mentor, ein Verbündeter, ein Feind. Grund dafür ist, die klassische Erzählweise und den bekannten Spannungsbogen erzielen zu können und dem Zuschauer / Leser / Spieler keine zu komplizierte Geschichte zu präsentieren, die er nicht nachvollziehen kann und die gegebenenfalls sogar langweilig ist, da kein klares Ziel vorgegeben ist.

Genug der Theorie! Was bedeutet das für mich?

Der gemeine Zuschauer bemerkt die Parallelen zwischen vielen Werken oft nicht, obwohl diese selbst medienübergreifend vorhanden sind. Ob das nun ein Videospiel ist oder ein Film: Ein Großteil der Werke basieren auf diesem Schema. Mittlerweile vertrauen viele Filmemacher und Game-Designer auf das Prinzip der Heldenreise. Nicht nur spiegelt dieses Konzept die klassische Erzählweise einer Geschichte wider, es hilft auch, den Fokus des Plots auf einer klaren Linie zu halten und das Verständnis des Konsumenten auf das gewünschte Niveau zu bringen. Der obligatorische romantische Subplot sowie andere Verstrickungen sind in diesem rudimentären Grundgerüst nicht enthalten, einen Leitfaden bietet es aber allemal. Man muss sich die Heldenreise als eine Art Kreis vorstellen. Ausgangs- und Endpunkt ist jeweils die Heimat des Helden, dazwischen befinden sich die jeweiligen Stationen der Reise.

Woher nimmt Campbell dieses Konzept?
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Donnergott Zeus,
Quelle

Den Monomythos hat sich Campbell natürlich nicht gänzlich selbst ausgedacht. Er orientiert sich bei der Beschreibung der Situation an – man hätte es anhand des Namens fast selber herausgefunden –  alten Sagen, etwa aus der griechischen oder keltischen Mythologie. Ein Mythos konnte verschiedene Hintergründe haben, etwa die Erklärung von naturwissenschaftlichen Phänomenen oder halbwahrheitliche Geschichten, die die Herkunft einer traditionsreichen Familie untermauerten. Sicherlich gibt es zum Teil immense Unterschiede zwischen diesen Mythen, Campbells Ziel ist es, in seinem Buch die Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten aufzuführen, immer im Hinterkopf die charakterlichen Archetypen und das Ziel, einen Bauplan zu entwerfen, der die untersuchten Mythen sowohl in ihren Strukturen als auch in ihren Motiven vereint. Diese in den klassischen Märchen zu finden: Ein Prinz, eine böse Hexe, eine zu rettende Prinzessin. Demnach könnte man zeitgemäße Film- und Romanwerke sogar als moderne Märchen bezeichnen.

Erster Akt

Dieser Beitrag widmet sich dem ersten von vier Akten, wie oben in der Grafik erkennbar. Die Bezeichnung „Isolation“ macht klar, was hier geschieht: Eine Veränderung tritt in das Leben des Helden, die ihn aus seiner Gewohnheit isoliert.

1. Zyklus: STATUS QUO.

Matrix-A1Der Konsument bekommt den Ist-Zustand des Helden präsentiert. Meist ist dieser ein „ganz normaler Kerl“ – Er arbeitet in einem Büro, auf einer Farm oder ist einfach nur ein Jugendlicher, der versucht, mit dem Teenagerdasein zurechtzukommen. Seine alltäglichen Probleme sind meist bereits zu viel für ihn, er hat kaum Erfolg – erst recht nicht beim anderen Geschlecht. Wenn man nun versucht, diese Ausgangssituation auf seinen Lieblingsfilm oder sein Lieblingsbuch zu transferieren, wird man in vielen Fällen bereits Parallelen feststellen können. In einigen Versionen der Heldenreise geht dem Status Quo, dem Anfang des ersten Aktes, ein persönliches Ereignis voraus, dass das Schicksal des Protagonisten festlegt. Ob dies nun eine ungewöhnliche Abstammung oder eine von schlimmen Vorkommnissen überschattete Geburt ist – Oft erkennt man bereits hier das Grundschema. Populäre Beispiele hierfür sind:

Star Wars

luke-skywalker-on-his-home-planet-tatooine-pic-dm-977796053-153957 Luke Skywalker arbeitet auf einer Feuchtfarm und ist eigentlich relativ zufrieden mit seinem Leben. Er wohnt bei seiner Tante und seinem Onkel – Warum weiß der Zuschauer an diesem Zeitpunkt noch nicht. Als erfahrener Cineast kennt man allerdings bereits den Twist der Geschichte aus den Spätsiebzigern: Darth Vader, also die persönliche Nemesis des Protagonisten ist gleichzeitig sein Vater. George Lucas, geistiger Vater der Sternensaga, hat bereits mehrfach eingeräumt, sich sehr eng an Campbells Vorlage gehalten zu haben. Als Besonderheit und stilistischen Wendepunkt setzt er allerdings die Prämisse und den Grund der Reise nach hinten, und zwar so geschickt, dass man anfänglich nicht darüber nachdenkt, dass dieser Faktor der Geschichte fehlt.

Harry Potter

6a00e5502e47b288330154339b275d970c-800wiNicht zu unrecht kursieren seit Jahren in den unendlichen Weiten des digitalen Netzes Vergleiche, die Menschen vor Überraschung rückwärts springen lassen ob des Vergleiches zwischen den Star Wars-Filmen und denen über den jungen Zauberer Harry Potter. Letztlich sind diese beiden Geschichten nämlich in ihren Grundzügen gleich, eben durch die Anbindung an den Monomythos. Harry ist ebenfalls ein Waise, der bei seiner Tante und seinem Onkel lebt. Allerdings ist sein Leben ist alles andere als toll, lebt er doch unter der Treppe des Hauses und wird ständig wegen seiner ungewöhnlichen Art gehänselt und bestraft. Seine Abstammung – und dies erfährt der Konsument sehr viel früher als im oben genannten Science-Fiction-Beispiel – bestimmt erneut sein weiteres Schicksal, denn er ist eigentlich ein Zauberer. Seine Eltern wurden von einem bösen Magier getötet, der nach Jahren der Abstinenz ins Leben zurückkehrt um die Welt zu erobern.

The Hunger Games

Katniss-Gale-The-Hunger-Games Katniss Aberdeen ist längst in ihrem Alltag in der Armut ihres Distriktes angekommen. Zwar denkt sie daran, wie es wäre, nicht mit ständigem Hunger leben zu müssen, etwas ändern kann sie daran allerdings nicht. Letzteres ist Prämisse für das spätere Voranschreiten der Geschichte – Trotz aller Umstände ist sie stark geblieben und hat einen instinktiven Überlebenswillen und strebt nach Höherem für sich und ihre Familie. Jedoch fehlt hier der zweite Zyklus, um die Geschichte überhaupt in Schwung zu bringen, eine entscheidende Begebenheit, die den Protagonisten dazu bewegt, etwas zu ändern.

Spider-Man

peter-parker-comic-1_528x297Peter Parker ist Schüler an einer High-School. Er ist nicht der beliebteste Junge – um es mal gelinde auszudrücken. Er wird oft gehänselt und geschlagen, von seiner Unfähigkeit, mit Mädchen zu sprechen (insbesondere Mary-Jane) mal ganz zu schweigen. Er ist zwar relativ clever, hat aber nie den Mut, dies zu seinem Vorteil einzusetzen. Dies würde auch so bleiben, würde ihm nicht der zweite Zyklus der Heldenreise widerfahren, die sein Leben und das seiner Heldenkollegen in anderen Geschichten gehörig auf den Kopf stellen würde.

 2. Zyklus: DER RUF DES ABENTEUERS

In dieser Phase des Kreislaufs erhält der Held eine Art Einladung, sich ins Abenteuer zu stürzen. Dies kann per mysteriöser Nachricht geschehen, beispielsweise per Eulenpost oder durch widere Umstände. So kann das bisherige Idyll durch äußeres Einwirken zerstört werden, das eine Trennung vom gewohnten Leben des Helden notwendig macht. Eine Konfrontation mit dem Ungewissen ist allerdings unvermeidlich, da ein Problem gelöst werden muss.

Game of Thrones

khaleesiDiese Fernsehserie beinhaltet unglaublich viele einzelne Storylines verschiedenster Charaktere. Nehmen wir beispielsweise Daenerys Targaryen, die spätere Khaleesi. Ihr Ruf des Abenteuers ist die bevorstehende Hochzeit mit Khal Drogo, die sie aus ihrer bisherigen Situation, die wir nur aus späteren Erzählungen kennen, herausreißt. Ihr Leben wird auf den Kopf gestellt und ihr droht, ihre jetzige Heimat verlassen zu müssen. Jon Snows Ruf ist der gleiche wie der seines Vaters, Eddard Stark, nämlich dessen Berufung zur Hand des Königs. Ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte um den Bastard, der sich nun entschließt, das Ungewisse zu erkunden und der Nachtwache beizutreten. Auch Lord Stark folgt dem Ruf auch wenn sich hier zuvor der nächste Zyklus vordrängt, der allerdings nicht zwingend bei jeder Heldengeschichte zu finden ist oder an einer anderen Position des Gesamtzyklus stehen kann.

Spider-Man

2002-Rami-Maguire-Spider-man-movie-genetically-designed-super-spider-biting-PeterAuch Peter erhält seinen Ruf des Abenteuers. Dieser muss nicht immer als Nachricht geschehen, wie zum Beispiel in den Harry Potter-Büchern. Peters Nachricht ist der Biss einer radioaktiv versuchten Spinne. Diese Metapher kann man übrigens auf ca 75 % aller Comichelden anwenden: Der Zeitpunkt der Transformation inklusive übernatürlicher Kräfte. Dies ist viel bildlicher gedacht als eine tatsächliche, geschriebene Einladung oder ein Besuch eines Repräsentanten einer surrealen Fantasiewelt.

3. Zyklus: VERWEIGERUNG

In der Regel geschieht das Loslösen der alten Heimat nicht unverzüglich, sondern wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Weigerung, das Geschehene und die damit verbundene Reise anzunehmen oder Einfluss durch Dritte – Essenziell ist hier das vorübergehende Scheitern des Protagonisten, quasi als Zeichen des inneren Wandels, der Akzeptanz, Neues zuzulassen.

Game of Thrones

Eddard-Ned-Stark-game-of-thrones-18621833-1280-720Wie oben erwähnt, geht der eigentlichen Abreise Starks zu seiner Berufung zur Hand des Königs noch der Konflikt voraus, Winterfell – seine Heimat – zu verlassen. In diesem Fall spielen mehrere Faktoren mit, beispielsweise liegt sein Sohn in einer Art Koma, nachdem dieser vom Burgturm stürzte. Dies sind Umstände, die Eddard zögern lassen und er sich dem Ruf des Abenteuers verweigert.

Aus großer Kraft folgt große Verantwortung. – Onkel Ben

Spider-Man

spider-man-uncle-benPeter Parker weiß – nach dem (quasi durch ihn herbeigeführten) Tod seines Onkels Ben – dass er seine neugewonnenen Kräfte eigentlich für das Gute einsetzen sollte, besonders nach dem Appell des frisch Verstorbenen. Dennoch zieht Peter los und verweigert sich seiner Berufung, getrieben von Rache, um den Mörder seines Onkels zu finden und Rache zu üben. Man sieht also, dass dieser Zyklus in mannigfaltiger Form vorkommen kann und nicht immer klar als dieser zu erkennen ist. Hier haben Geschichtenschreiber einen sehr breiten Spielraum, den inneren Konflikt um Aufbruch und Abenteuer zu modellieren.

4. Zyklus: BEGEGNUNG MIT DEM MENTOR

An dieser Stelle der Erzählung trifft der Protagonist erstmalig auf seinen Mentor, seinen spirituellen Führer, wenn man so will. Oft wird dieser als alter, weiser Mann dargestellt, auch wenn dies sehr klischeebehaftet ist. Besagter Mentor gibt dem Helden in den meisten Fällen etwas mit auf den Weg, dies kann ein Gegenstand, eine Waffe oder ein kryptischer Ratschlag sein – entscheidend ist, dass dieses Objekt – wie auch immer es geartet ist – letztendlich zum gewünschten Ausgang der Geschichte führt. Dabei ist egal, in welchem der darauffolgenden Zyklen es eingesetzt wird. Ohne es, wäre die Heldenreise nicht möglich.

Star Wars

krieg-der-sterne-2Wieder einmal muss die Sternensaga für einen Vergleich herhalten. Im vierten Zyklus erhält Luke von seinem Mentor Obi Wan Kenobi sein Lichtschwert – übrigens bis heute eine der einzigartigsten und durchdachtesten Waffen im Science-Fiction-Universum. Obi Wan klärt den jungen Recken (und damit den Zuschauer) zudem über die lauernden Gefahren und die Gegner auf seinem Weg auf. Quasi eine Kurzzusammenfassung der Welt, in der wir uns befinden. Hier gilt, wie oben erwähnt: Ohne Lichtschwert kein weiterer Storyverlauf. Der alte Kenobi wird auch weiterhin an Lukes Seite bleiben, um ihn zu schützen, zu leiten und sich letztendlich für ihn zu opfern.

 

Harry Potter

ollivander_harryDer junge Zauberer Harry hat gleich mehrere Mentoren, ganz im Sinne des schulischen Geistes von Hogwarts. Hagrid, Ollivander, Dumbledore – Sie alle helfen ihn auf seinem Weg und statten ihn immer wieder mit Utensilien aus, die sein Weiterkommen ermöglichen. Ob das nun sein Zauberstab ist, der Tarnumhang oder die Karte des Rumtreibers – gepaart mit einer ordentlichen Portion Rat und Tat, sind die Mentoren für den Jungen der Überlebte essenziell.

Der zweite Akt und der Übergang in die „andere Welt“ wird im nächsten Teil der Reihe behandelt.

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Die Heldenreise – Literarische Grundlage moderner Medien was last modified: Januar 12th, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.