Die unvermeidliche Debatte um Brüste, Vergewaltigung und den ganzen Rest.

Vorwort, Ergänzung: Über die verschiedensten Kanäle erreichten mich bereits die unterschiedlichsten Reaktionen auf diesen Artikel. Ob es daran liegt, dass dieser nicht vollständig gelesen oder einfach nicht verstanden wurde, hier noch ein kurzes Statement, auch wenn mir das langsam ein bisschen blöd wird. Ich bin kein Sexist. Im Gegenteil. Genau das Gehabe, dass durch wirkliche Doppelmoralisten praktiziert  und hier besprochen wird, ist der letzte Sargnagel für tatsächliche Gleichheit der Geschlechter. Das Verwischen der Grenzen und Relativierung der Definition von „Sexismus“ ist das Schlimmste, was hier passieren kann. Reißt euch mal am Riemen, sonst ist „Sexismus“ bald nicht mehr als eine hohle Phrase, die keinen wirklichen Wert mehr hat. Nicht jede Frauenbrust ist sexistisch, aktiv oder passiv. Den Torso finde ich auch nicht schön, doch war der frauenfeindliche Aspekt definitiv nicht das Erste, was mir durch den Kopf ging und ist es jetzt immer noch nicht, zumal es hier überhaupt nicht um den Torso geht. Und jetzt viel Spaß beim Lesen und (hoffentlich) verstehen.


…Und wieder einmal läuft die Gamer-Gemeinde Amok – Der Grund für den diesmaligen Aufruhr ist die Super-Hyper-Special-Edition eines Spiels. Dieser Titel ist die Fortsetzung eines Titels, der dem Spieler die primäre Aufgabe gibt, wohlgeformte Zombiefrauen in knappen Bikinis auf einer tropischen Insel mit einem Bootspaddel in mundgerechte Häppchen zu zerkloppen. Die Gamer jubelten, schrien „MEHR!“ und bekamen mehr: Dead Island Riptide.

Deep Silver denkt sich jetzt natürlich: „Wenn die Leute gerne zerstückelte Bikini-Babes sehen – warum nicht?“ und kündigt die Zombie Bait Edition besagten Nachfolgers an, inklusive eines weiblichen Torsos, blutverschmiert, von Kopf und Gliedmaßen befreit, in knappem Bikini und ordentlicher Oberweite, also quasi ganz wie im Spiel. Doch sie haben nicht mit der Reaktion der Gemeinde gerechnet. Denn plötzlich sind Brüste gar nicht mehr so okay. Wo man vor einem halben Jahr noch freudestrahlend ob der Rundungen der Untoten vor der heimischen Xbox saß, wird jetzt krakeelt, das sei „sexistisch“. Huch? Was ist da passiert?

Die virtuelle Brust-OP

Dead or Alive (1998)

Ich bin erstaunt – Was macht den Torso sexistischer als das Spiel selbst? Und wie definiert der gemeine Gamer eigentlich „Sexismus“? Ein überaus breitgetretenes Thema, ein ständiges Hin und Her der Fronten, ein konstanter Shitstorm aus den unterschiedlichsten Richtungen. Spulen wir ein wenig zurück, sagen wir… zum Jahr 1998. Die Jungs und Mädels von Tecmo bringen den Arcade-Hit Dead or Alive in die Wohnzimmer der geneigten Prügelspielespieler. Das Spielprinzip ist einfach: Muskelprotze und halbnackte Busenwunder (mit einstellbarer Oberweite!) geben sich dermaßen gegenseitig auf’s Fressbrett, dass die weiblichen Charaktere Gefahr laufen, sich mit ihren eigenen Brüsten kampfunfähig zu schlagen. Can I get a „sexism“? Nein, anscheinend nicht, denn schließlich sind die Kämpferinnen starke Frauen und können ihr Outfit und die optische Intervention des Spielers schon irgendwie verarbeiten oder verantworten. Wird Sexismus also durch Freiwilligkeit definiert? Oder durch die Laune der vermeindlichen Meinungsträger an diesem speziellen Wochentag?

Ein Hauch von Nichts (und eine Kettensäge)

Irgendwie finde ich das ja schon ein bisschen übertrieben…

Ein Beispiel aus der näheren Vergangenheit kommt mit Kettensäge und guter Laune daher, interessanterweise wird hier auch das Zombiethema näher beleuchtet. Lollipop Chainsaw bietet wieder eine breite Angriffsfläche für laute „Sexismus!“-Rufe. Doch, halt! Ich sehe nur vereinzelt erhobene Finger, der große Shitstorm bleibt aus – und das obwohl die Hauptfigur Juliet Starling meist nicht mehr als nichts trägt und der Spieler konstant mit Upskirt-Shots und Close-Ups der Brustregion belohnt wird. Greift hier wieder das Prinzip der „Freiwilligkeit“? Ich meine: Hallo? Die Frau metzelt sich mit schwerem Gerät durch Horden von Untoten als gäbe es kein Morgen. Die ist definitiv stark genug, um sich gegen ungewollte Blicke zu wehren. Sicher.

Wo wir gerade beim Thema „freiwillig“ sind: Ich entschuldige mich vorab für den kleinen Schwenker und richte den Blick auf ein anderes audiovisuelles Medium: Pornografie. Quasi das Sodom und Gomorrha der gesamten filmischen Industrie. Jeder weiß bescheid: Hier stecken sich junge (oder alte) Damen (und Herren) kleine (und große) Dinge (und Körperteile) in sämtliche Körperöffnungen und machen meist einen ganzen Arsch voll (Entschuldigung.) Kohle damit. Moment, das ist doch sicher sexisti… nein. Sorry. Habe mich vertan. Bis auf unterbemittelte Öko-feministische Kampflesben und klemmschwule Katholiken steigt hier niemand auf die Barrikaden; so zumindest der allgemeine Tenor.

Lara, willst Du (virtuell) mit mir gehen?

Was macht also einen Frauentorso nun so sexistisch? Klar, die optische Reduktion auf sekundäre Geschlechtsorgane könnte man Deep Silver durchaus übel nehmen, aber unterbewusst schwingt hier wohl mit: „Die arme Frau. Ganz alleine am Strand gewesen als diese böse Zombie ankam und sie halb aufaß. Jetzt ist sie nur noch ein Brust-Büste weil sie sich nicht gegen den patriarchalischen Untoten wehren konnte, der sie nur wegen ihres Fleisches wollte.“ So kommt die ganze Aufregung zumindest rüber. Angenommen, der Torso wäre kein Torso sondern eine Bikini-tragende weibliche Hauptfigur des Spiels, die, mit ordentlich Holz vor der Hütte, eine Feuerwehraxt schwingt oder ein Sturmgewehr auf die dämonischen Horden feuert. Würde da tatsächlich jemand aufschreien?

Szenenwechsel: Lara Croft kämpft sich blutend und erschöpft durch einen Dschungel voller wilder Tiere und böser Buben und entgeht nur knapp einer Vergewaltigu… HAAALT, Stop! Das ist ja wohl absout sexistisch. Die Herren (!) von Square Enix nehmen sich hier ein bisschen viel raus – Wie kommen die bloß dazu, einen physisch und psychisch schwachen Charakter zu entwickeln, der zu allem Überfluss auch noch weiblich ist? Das entspricht überhaupt gar nicht der Realität und ist die Ausgeburt des Maskulinismus. Aber mal im Ernst: Der Tomb Raider-Reboot ist ein willkommenes Ziel für sämtliche Kackhäufchenangriffe von „Gaming-Experten“, immerhin haben wir es hier wieder mit Unfreiwilligkeit zu tun. Lara, die schwache, großbrüstige Frau, ganz alleine im Urwald… Klar ist das konzeptionell keine Meisterleistung, aber wenn mir als Schreiberling die Ideen ausgehen, dann greife ich halt auf Klischees zurück. Ich kann auch nicht verstehen, wie man hier allen Ernstes auch nur die Spur von Sexismus sehen kann. Immerhin (so habe ich es in Erinnerung) entkommt Lara ihren Peinigern und schlägt böse zurück. Sicher, diese ganze Debatte um den „virtual boyfriend“, der die nette Engländerin aus ihrer misslichen Lage befreit mag ein faux-pas der Entwickler sein, der zu vermeiden gewesen wäre, aber man kann auch schrecklich viel in unüberlegte Aussagen hineininterpretieren.

Wen spricht das alles an?

Und letztlich, das gebietet die Logik, degradieren Kritiker eine starke weibliche Hauptfigur zum Sexismusopfer – und ist das nicht der wahre Sexismus?

Aus welcher Richtung kommen eigentlich die Shitstormattacken auf den Publisher? Verwundert stelle ich fest: Die primäre Zielgruppe schreit am lautesten, das heißt männliche videospielaffine Personen zwischen 18 und 35. So grob geschätzt. Doch was ist der Grund dafür? Neben „Sexismus!“ wird hier übrigens auch „Das ist ja genau richtig für die Zielgruppe!“ gerufen. Moment, moment. Welche Zielgruppe ist hier gemeint? Männer, die sowohl auf gory-splatteresque Hackebeilaction als auch auf große Brüste stehen, also quasi 95% der männlichen Bevölkerung? Nein, die Hassfraktion versteift sich auf den Gedanken, hier seien ja minderjährige Milchbubis gemeint, die sich noch mit dem Handtuch rasieren können. Augenblick, sorry, ich komme grade nicht so ganz mit. Die Zielgruppe für ein Erwachsenenspiel, das in Deutschland wahrscheinlich eben ob der Gewaltdarstellung noch nicht einmal erscheinen wird sollen minderjährige Windelkacker sein? Ich komme nicht umhin, ein wackelige Argumentation zu bemerken: Die Grundlage für übergroße Brüste und Verstümmelungen sind die Gelüste von Teenagerjungs.

Sehen wir der Wahrheit doch mal ins Gesicht: Sex sells. Wer jetzt überrascht aufschreit, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Jedoch unterscheide ich, als jemand, der sich selbst einen gewissen Grad an „Common sense“ zuschreibt, zwischen „Sex“ und „Sexismus“. Die Frage, wo man hier die Grenze zieht und wo das Mittel zum Zweck aufhört und eine böswillige Absicht unterstellt wird, ist wohl etwas, was jeder für sich selbst beantworten muss. Jedoch, und das würde ich gerne doppelt unterstreichen, würde ich darum bitten, dass man vor Öffnen des Mundwerks oder Inkraftsetzen der Tippfinger erst einmal das Gehirn einschaltet und nicht sofort laut „SEXISMUS!“ brüllt bis mir die Ohren klingeln. Und letztlich, das gebietet die Logik, degradieren Kritiker eine starke weibliche Hauptfigur zum Sexismusopfer – und ist das nicht der wahre Sexismus?

Fühlen sich Männer auch diskriminiert?

Bayonetta, Oldschool-Lara, Juliet Starling – nur einige wenige Beispiele für starke Frauen in Computerspielen die nicht (ausschließlich) zur Fleischbeschau in virtuelle Welten gesetzt werden. Und wäre ich Entwickler, ich würde meine Hauptfigur – unabhängig ob männlich oder weiblich – so gutaussehend wie möglich gestalten. Dazu gehören bei Männern wohl ausgeprägte Muskeln, bei Frauen eine große Oberweite – zumindest ist das der Echo der Gesellschaft. Der Aufschrei, sobald einer (virtuellen) weiblichen Figur Schlimmes widerfährt ist nicht nur hirnlos sondern auch in keinerlei Hinsicht durchdacht. Betrachtet jemand mal die andere Seite? Max Payne – Ein stereotypischer Mann. Säuft wie ein Loch, ballert um sich und ist alles in allem ein ziemliches Wrack, vor Pathos und Selbsthass nur so triefend. Findet das jemand sexistisch? Fühlt sich irgendwo auf der Welt ein Mann dadurch erniedrigt, reduziert oder beleidigt dadurch, dass er ein Mann ist? Versteht mich nicht falsch, ich fühle mich durch einen halbnackten Muskelprotz genauso wenig unbehaglich wie durch eine üppige, halbnackte Kämpferin. Ich kann nur einfach diesen ziellosen Hass auf alles und jeden – quasi den „guten Ton“ im Internet – nicht verstehen, sobald etwas auch nur im Ansatz negativ aufgefasst werden könnte. Da ist ein Frauentorso nur eines der unzähligen Beispiele, Sexismus nur ein Bereich der Empörung.

Letztlich muss man die Frage stellen: Was macht Menschen, die bei jeder Frauenbrust Sexismus unterstellen besser als die Menschen, die jede Form der Gewaltdarstellung verantwortlich für das Zustandekommen von Amokläufen machen? Und noch viel wichtiger: Warum finden die Kritiker den Torso eher „sexistisch“ als „eklig“? Ich meine: Da fehlen Kopf und Gliedmaßen und man sieht deutlich, wo genagt wurde – das würde mich viel mehr stören.

Kurzes Statement zum Artikel, für alle tl;dr-Menschen: Denkt nicht, ich sei Sexist. Im Gegenteil. Mir geht es nur auf die Nerven, dass jeder Depp irgendeinen blöden Grund vorschiebt um seine uninteressante Meinung ein wenig aufzupeppen – Sexismus, Gewalt, Ethik. Ich möchte hier nur darauf hinweisen, dass es wichtig ist, zu differenzieren und sich nicht über jeden Scheiß aufregen sollte. Danke für’s Lesen.

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Der Torso des Anstoßes: Sexismus in Videospielen was last modified: Januar 24th, 2013 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.