Diese völlig korrekte Artikel-Überschrift stört mich ein wenig, denn eigentlich müsste das Spiel „Maniac Mansion – Day of the Tentacle Remastered“ heißen, denn der interessierte Leser kommt eben nicht an Maniac Mansion vorbei, wenn er sich über Day of the Tentacle (DotT) informieren möchte. Außerdem will der Autor dieses Artikels aufgrund seines fortgeschrittenen Alters ein paar Helden der Videospiele-Entwicklung huldigen und wird daher mit dem Schöpfer der Spiele-Engine Script Creation Utility for Maniac Mansion (SCUMM) beginnen: Ron Gilbert. Dieser veröffentlichte 1987 bei Lucasfilm Games das Point-and-Click-Adventure Maniac Mansion, das zum Meilenstein des Genres werden sollte. Die Steuerung der Spielcharaktere über Aktionsverben mit der Maus verhalf den Point-and-Click-Adventures (und Lucasfilm Games) zum Durchbruch. Ron Gilbert machte sich mit diesem Spiel und den nachfolgenden Spielen Zak McKracken and the Alien Mindbenders, Indiana Jones and the Last Crusade, The Secret of Monkey Island und Monkey Island 2 zum Helden nicht nur meiner Generation.

In Maniac Mansion entführte Dr. Fred Edison die junge Sandy und kerkerte sie für spätere wissenschaftliche Experimente in seiner Villa, der „Maniac Mansion“, ein. Unser Held Dave beschloss, seine Freundin Sandy mit Hilfe und Unterstützung einiger Freunde zu retten. Am Anfang des Spiels wählte man aus insgesamt sechs Begleitern zwei aus, die Dave bei seinem gefährlichen Unterfangen begleiten sollten. Als Spieler konntest Du dann alle drei Charaktere steuern und so in das Haus eindringen und Sandy befreien. Abhängig von der Zusammenstellung der Begleiter ergaben sich dabei vier verschiedene Ansätze zur Lösung des Spiels. Sensationell (wir reden von 1987).

Die Fortsetzung aus dem Jahre 1993 trägt den Namen Maniac Mansion – Day of the Tentacle und ist ebenfalls ein Meilenstein, war es doch das letzte Spiel von dem nun zu LucasArts umfirmierten Publisher, das sich mit Aktionsverben steuern ließ. Ron Gilbert war als Autor zwar noch mit von der Partie, das Ruder übernahmen aber Tim Schafer und Dave Grossman. Grossman startete nach seiner Arbeit bei LucasArts als Lead Designer bei telltale games durch und bescherte uns auch dort einige geniale Adventures. Tim Schafer hatte sich als Co-Designer bei The Secret of Monkey Island und Monkey Island 2 bereits einen Namen gemacht, als er die Verantwortung für DotT übernahm. Spätere Hits aus seiner Feder sind z.B. Grim Fandango, Psychonauts oder Brütal Legend. 2000 gründete Schafer Double Fine Productions, das z.B. 2013 Ron Gilberts grandioses The Cave veröffentlichte, einer meiner liebsten Plattformer.

In DotT kehren wir zu Dr. Freds Villa zurück, dieses Mal mit „nur“ drei Charakteren: Bernard, dem vertrottelten Physiker aus Maniac Mansion und zwei neuen Figuren namens Hoagie und Laverne. Hoagie ist ein echter Metalhead und Laverne eine schrullige Blondine Medizinstudentin. Die drei im Bundle muss man einfach lieb haben.

Wir fassen zusammen: Spieler in meinem Alter haben also noch echte Helden, wie z.B. Ron Gilbert oder Tim Schafer. Außerdem haben wir einen verklärten Blick auf die Spiele-Highlights unserer Kindheit.

Maniac Mansion in Day of the Tentacle Remastered

Maniac Mansion in Day of the Tentacle Remastered

Maniac Mansion spielte ich Ende der 80er auf meinem Commodore C64. Meine Erinnerungen an das Spiel sind durchweg positiv, allerdings kann ich mich nicht mehr daran erinnern, es jemals bis zum Abspann des Spiels geschafft zu haben. Ich weiß noch, dass ich wie blöde das Benzin für die Kettensäge gesucht und es erst Jahre später in Zak McKracken gefunden habe. Meine Gedanken an DotT sind durch das Durchspielen der hier zu rezensierenden Remastered-Version natürlich taufrisch, jedoch kann ich mich auch hier noch gut daran erinnern, damals viel Zeit mit Bernard, Hoagie und Laverne verbracht zu haben.

2012 hörte ich das erste Mal von dem „Gerücht“, dass eine Neuauflage von DotT geplant sei und am 22. März dieses Jahres startete ich endlich den Download auf meiner PS4. Eines der besten Adventures aller Zeiten kehrte nach mehr als 20 Jahren zurück auf meinen Bildschirm und bereitete mir beim erneuten Durchspielen eine Menge Spaß. Aber der Reihe nach.

In der Villa von Dr. Fred leben zwei Tentakel (korrekt!), deren Namen ihrer Hautfarbe entsprechen: Purpur und Grün. Da Purpur plant, die Weltherrschaft an sich zu reißen und dabei die Menschheit zu versklaven, wendet sich Grün mit einem Hilferuf an Bernard.

Der "Schrei nach Hilfe" eines grünen Tentakels (PS4)

Der „Schrei nach Hilfe“ eines grünen Tentakels (PS4)

Dieser eilt daraufhin mit seinen Freunden Hoagie und Laverne zur „Maniac Mansion“ und die Rettungsaktion unter der chaotischen Regie von Dr. Fred scheitert auf spektakuläre Weise. Mithilfe seiner Zeitmaschine (yes!) verstreut er die drei Freunde in der Zeit.

Hoagie wird 200 Jahre in die Vergangenheit katapultiert. Dort angekommen stellt er fest, dass sich die Gründerväter der USA gerade (1793) in Dr. Freds Villa daran machen, die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika zu vollenden. Allerdings ist es mit der Kreativität von George Washington, John Hancock und Thomas Jefferson nicht so weit her. Daher bleibt es dem Spieler überlassen, die Gründungsgeschichte der USA mit zu „gestalten“. Währenddessen lässt, der als bekennender Gegner jeglichen Müßiggangs verrufene, Benjamin Franklin draußen auf der Wiese Drachen steigen.

Ben Franklin übt sich im Müßiggang. Hoagie schaut interessiert zu.

Ben Franklin übt sich im Müßiggang. Hoagie schaut interessiert zu.

Laverne wird 200 Jahre in die Zukunft verfrachtet und findet sich in einer Welt wieder, in der die Tentakel an der Macht sind und alle Menschen als Sklaven gehalten werden. Lustigerweise ist Dr. Freds Zuhause nun das Hauptquartier von Purpur-Tentakel und – natürlich – Ort des Geschehens!

Bernard bleibt derweil in der Gegenwart stecken und muss nun mithilfe der defekten Zeitmaschine Hoagie und Laverne unterstützen, das Problem mit Purpur-Tentakel zu lösen und beide sicher zurück ins Heute zu holen.

Die Komplexität des Spiels erschließt sich dem aufmerksamen Leser vielleicht nicht sofort, da sich die Story ja komplett in Dr. Freds Villa abspielt. Am Anfang sind nur Hoagie und Bernard spielbar, erst nach einer Weile kann der Spieler auch Laverne steuern. Aber im Grunde dirigiert man Bernard, Hoagie und Laverne zu drei unterschiedlichen Zeiten in der Villa. Die Charaktere können sich untereinander Inventargegenstände auch rückwärts durch die Zeit schicken und somit unterstützen. Die Rätsel sind daher „etwas“ komplexer, da man als Spieler erst einmal herausfinden muss, welcher Gegenstand zu welchem Problem in welcher Zeit gehört. Das ist natürlich immer total logisch. Total! „Kenner der Szene“ sprechen hier übrigens von einem „mehrspurigen Gameplay“.

Bei dieser Zeitmaschine im Keller ist Chaos vorprogrammiert

Bei dieser Zeitmaschine im Keller ist Chaos vorprogrammiert

Beispiel? Beispiel (Spoiler bis Ende des Absatzes): Laverne muss sich in der Zukunft als Tentakel verkleiden, damit sie sich ungehindert bewegen kann. Dazu täuscht sie einen Schwächeanfall vor und wird von ihrem Tentakel-Wächter zum Doc gebracht. Dort klaut sie die anatomische Zeichnung eines Tentakels und schickt sie zu Hoagie in die Vergangenheit. Hoagie bringt die Zeichnung einer genervten Schneiderin, die bereits mehrere Entwürfe für die neue amerikanische Nationalflagge anfertigen musste. Er legt die Zeichnung oben auf den Tisch für die neuen Entwürfe und macht somit die Tentakelform zur Nationalflagge der USA. Bernard klettert indessen in der Gegenwart aufs Dach der Villa und klaut die Kurbel vom unbenutzten Fahnenmast und schickt diese zu Laverne in die Zukunft. Laverne klettert aufs Dach, kurbelt die nun tentakelförmige amerikanische Flagge herunter und nutzt diese als Verkleidung. Kinderspiel.

Das Spiel ist voll mit solchen Rätseln. Und wer Spaß an schrägen Gedankenspielen mit der Zeit und keine Probleme mit viel Um-Drei-Ecken-Denken hat, der wird seine helle Freude mit Day of the Tentacle haben. Das Adventure ist hervorragend gealtert und durch die aufpolierte Comic-Grafik und die Ersetzung der Aktionsverben-Steuerung durch – nun, sowas ähnliches, nur besser, mit Icons – macht das Spielen mit dem Controller an der PS4 selten Probleme. Sogar Hotspots, wie sie heute in Adventures ja üblich sind, erleichtern dem Spieler das Leben. Erinnert Ihr (alten Säcke) Euch noch? Früher mussten wir mit „what is“ den Bildschirm Pixel für Pixel absuchen!!! Früher mussten wir übrigens auch alle Rätsel selbst lösen. Nix da mit Google und Komplettlösung. Von wegen „früher war alles besser“.

Mein Spielerlebnis war ein Nachhause kommen, anders kann ich es nicht beschreiben. Der Zauber entfaltete sich sofort wieder, auch aufgrund der schrecklichen, gar fürchterlichen deutschen Synchronisation. Und um Gottes Willen, wenn Ihr das Spiel in den 90ern auf Deutsch gespielt habt, dann spielt es jetzt wieder auf Deutsch. Es ist herrlich – schrecklich! Außerdem kann man sich die Entwickler-Kommentare auf einer separaten Tonspur anhören und erfährt so nebenbei noch allerlei Triviales zur Entstehung, z.B. über schlecht bezahlte Praktikanten.

Ein paar „Fehler“ aus der Originalfassung wurden auch mit übernommen, ob absichtlich oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Aber der Nostalgie wegen bin ich sehr dankbar dafür. Wie überhaupt für die bloße Existenz des Spiels und die Gelegenheit es auf aktueller Hardware mit zeitgemäßer Steuerung erneut erleben zu dürfen. Es wurde ein ganzer Sack voll Trophäen erschaffen, die einem den Spielspaß bei nur einmaligen Durchspielen noch mit Platin versüßen, wenn man auf Zack ist (ich hab’s maximal verbockt). Und die Zeiten zum Laden und Speichern von Spielständen sind auch, äh, nostalgisch. Langsamer waren meine Disketten damals garantiert nicht.

Neben Zak McKracken gehört Day of the Tentacle zu meinen absoluten Lieblings-Adventures. Es ist witzig, originell und knackig. Ich bin froh darüber, mit solchen Meisterwerken groß geworden zu sein und kann auch der jüngeren Generation diese Spiele nur wärmstens ans Herz legen, sofern sie remastered wurden (die Aktionsverben-Steuerung mit der Maus ist heutzutage dann doch eher zum Abgewöhnen). Der interessierte Spieler kann aber per Klick immer mal wieder während des Verlaufs auf die „alte“ Grafik, Steuerung und Sound umschalten. Und wer Maniac Mansion nicht gespielt hat, der kann dies in Day of the Tentacle in Eds Zimmer auf dem PC nachholen. Ich empfehle Razor und Syd mitzunehmen, sonst entgeht Euch die Geschichte mit dem Hamster ;-)

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Day of the Tentacle Remastered was last modified: April 6th, 2016 by Ralf-Jürgen Stilz

Eigentlich ist Ralf-Jürgen ja schon zu alt und tatterig um Videospiele zu spielen. Dafür ist er aber schon von Anbeginn dabei und kennt und liebt (fast) jedes Spiel.