Kombiniere: Ein neues Spiel um den berühmten Meisterdetektiv lockt Hobbykriminalisten an die Bildschirme. Holmes‘ größter Fall oder eine falsche Fährte?

Es ist mit Sicherheit nicht leicht, das Thema „Sherlock Holmes“ in eine spielbare Verpackung zu drängen, handelt es hierbei doch quasi um den Urvater aller Detektivgeschichten. Auf der einen Seite muss man der Tradition der Bücher treu bleiben, auf der anderen Seite sollten genretypisch Kriminalfälle gelöst werden und nicht auf plötzlich ein Sherlock-Shooter oder Holmes-Hausbausimulator in der Xbox landen.

Focus Home Interactive bringt den Schnüffler und seinen Gehilfen Dr. Watson in „Das Testament des Sherlock Homes“ auf PC, PS3 und der guten alten 360 zu rätselfreudigen Videospielfreunden nach Hause. Entgegen aller Befürchtungen ist der Titel aber kein Shooter und keine langweilige Simulation, sondern quasi ein klassisches Adventure. Aber erstmal zur Story.

The Secret of Indiana Holmes and Max

Drei Kinder spielen auf einem Dachboden, als sie plötzlich ein altes Tagebuch finden, in dem Watson Sherlocks letzten und schwierigsten Fall dokumentiert hat. Ein fließender Übergang versetzt uns zurück ins Jahr weißnichtmehr, wo Sherly und Watsy gerade an einem Fall tüfteln, der dem Spieler als Tutorial dient. Hier fällt leider sofort auf, dass die Steuerung der Charaktere durch den dreidimensionalen Raum etwas gewöhnungsbedürftig ist; Besonders die Navigation per Controller auf engem Raum erfordert viel Fingerspitzengefühl und Geduld. Dafür versprüht das Spiel von der ersten Minuten an den Charme eines Point-and-Click-Adventures der alten Schule. Den Raum absuchen, Gegenstände sammeln, Hinweise finden.

Dieser Charme hält sich auch bis ungefähr zu Hälfte des Spiels. Hier geht alles noch gemächlich zu; Man darf sich in Ruhe umschauen, muss die gesammelten Hinweise zu einer logischen Schlussfolgerung zusammenschustern und Beweismittel einer genaueren Analyse unterziehen. Wie ein echter Detektiv eben. Das macht wirklich enormen Spaß, weil man zum Teil wirklich nachdenken muss, obwohl die Story an Linearität wohl unübertroffen ist. Ab einem gewissen Zeitpunkt tritt dann der Frust auf; Unübersichtliche Schauplätze, abstrus versteckte Objekte und ein Overload an Minigames (Schiebepuzzles, Logikrästsel…) lassen den Spieler angestrengt die Stirn runzeln. Das kratzt an der Grenze dessen, was Spaß macht und stimmt mich ein wenig traurig, wurde hier doch ein großartiges Potential verspielt. Der Spieler kämpft hier nicht mehr gegen seinen eigenen Intellekt sondern gegen Frustration und Ungeduld.

Ruckeln in London

Optisch ist „Das Testament des Sherlock Holmes“ eigentlich ganz passabel, zwar ist die Grafik nicht mehr auf dem neuesten Stand – worüber man ja noch hinwegsehen könnte – aber die Mimik der Charaktere, auf die Kristen „Holzgesicht“ Steward stolz wäre, lässt dann doch zu wünschen übrig und knabbert stark an der allgemeinen Atmosphäre. Die Figur des Sherlock hat verblüfende Ähnlichkeit mit Schauspieler Mark Strong, der lustigerweise im ersten Sherlock-Holmes-Film mit Robert Downey Jr. den Bösewicht gibt. Die Engine hat trotz der überschaubaren Areale zu Teil arg mit der Framerate zu kämpfen, was ein wenig erstaunt. Dafür ist die Spielwelt allerdings einigermaßen detailliert, einzig das reduzierte Anti-Aliasing der Konsolenfassungen lässt die mittelmäßig aufgelösten Texturkanten oft flimmern.

Die (deutschen) Sprecher sind allerdings formidabel, auch wenn sie teilweise zu sehr ins Melodramatische abrutschen, das Ganze etwas zu ernst nehmen und ihren Tonfall auffallend häufig wiederholen. Nichts desto trotz ein gelungener Cast, auch wenn ich einen falschen russischen Dialekt immer wieder zum Schießen finde.

So dramatisch sich die Story gegen Ende hin auch zuspitzt, umso lächerlicher (sorry, ja, ich fand das Ende lächerlich) war der Schluss der Geschichte. Ohne zu viel verraten zu wollen: Man hat das Gefühl, als sei den Machern des Spiels gegen Ende das Geld oder die Motivation ausgegangen. Eine lieblos hingerotzte Ausgeburt der Einfallslosigkeit die mich, ob der bisherigen Highlights und Twists, mit einem Schlag ins Gesicht erschrocken dasitzen  und mich selbst fragen ließ: „What. The. Fuck?“ So viel verschenktes Potential – Nach so einem grandiosen Start enttäuscht das schon sehr. Dafür ist der Abspann, der merkwürdigerweise im Stil eines Tarantino-Films dargeboten wird, umso beeindruckender und lässt den Spieler das hanebüchene Ende fast vergessen.

Fazit

Dennoch: „Das Testament des Sherlock Holmes“ macht unglaublich viel Spaß, und die grandiose erste Hälfte des Spiels macht die Schwächen im späteren Storyverlauf, der Bedienung und dem ungeliebten Ende fast wieder wett. Zwar ist der Titel keine Grafikbombe – die Atmosphäre und die plastischen Charaktere hauen den mittelmäßigen optischen Eindruck wieder raus, so dass man ein solides und durchdachtes Adventure bekommt, dessen Steuerung man sich allerdings erst einverleiben muss. Ich würde es definitiv weiterempfehlen, besonders für Freunde des Adventuregenres, die zwischendurch nichts gegen ein Minigame haben.

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Das Testament des Sherlock Holmes was last modified: September 29th, 2012 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.