Die Adventureschmiede Daedalic wirbelt mit dem Zauberstab und verwandelt ein Rollenspiel in ein Adventure. „Abra-Kadabra“ oder „Ach-Du-Kacke“?

Eins vorweg: Das Schwarze Auge (DSA) war mir immer sehr sympathisch. Obschon ich die stereotypischen Geschichten aus Aventurien mochte, konnte ich auf der anderen Hand mit den PC-Umsetzungen nicht viel anfangen. Daher war ich auch beim neuesten Spross des Franchise eher skeptisch, ob Daedalic, die ja eigentlich immer Garanten für formidables Spielewerk sind, die Portierung in die Point-And-Click-Welt schaffen würden.

Kurz für absolute Neulinge: Das Schwarze Auge spielt in einer Welt, in der Abenteuer und Magie an der Tagesordnung stehen. Elfen, Magier, Krieger und Zwerge kämpfen gegen Trolle, Goblins und Wasweißich, hängen in Tavernen rum und klettern über verschneite Berghänge. Pure Rollenspielromantik halt. Später gab es dann einige Rollenspiele für den PC, die ich persönlich nie mochte, die allerdings großen Zuspruch aus der Fangemeinde fanden. Hier kletterten dann Pixelzwerge über verschneite Pixelberghänge.

From Zero to Hero

Geron ist ein Niemand, der Stiefsohn eines Tierfängers, arm und schwach. Jeder lacht ihn aus, einige verachten ihn sogar, da ein böser, blinder Seher Geron auf dem Scheiterhaufen eine düstere Zukunft prophezeite. Aber da Geron daran glaubt, sein Schicksal ändern zu können, setzt er alles daran, dies auch zu tun. So will es der Zufall, dass er wenig später losgeschickt wird, eine Fee zu fangen. Diese ist äußerst hübsch, hört auf den Namen Nuri und – wer hätte das gedacht – bringt dem jungen Geron eine Menge Ärger ein.

Das Setting ist durchdacht gewählt – ein Antiheld in einer feindlichen Umgebung wird auf ein Abenteuer entsandt, das ihn seine Stärken erkennen und nutzen lässt und ihn am Ende großartig dastehen lässt. Klingt „standard“, ist es auch. Dennoch findet Daedalic einen perfekten Kompromiss zwischen der bierernsten DSA-Welt mitsamt ihrer Orks und dunklen Gassen und dem verspielten Charme und der Komik, den man von den Hamburgern gewohnt ist. Wie man es sonst nur von (guten) Hollywoodstreifen kennt, baut sich nach und nach eine clevere Story auf, die den Plot immer weiter vervollständigt und eine fantastische Abenteuergeschichte liefert. Zudem beweisen die Macher Fachkenntnis der Vorlage – versteckte Details lassen die Herzen von DSA-Fans höher schlagen. Kleinere Gags (wie zum Beispiel ein Orkzelt mit Wacken-Schriftzug) lassen den Spieler ab und an Schmunzeln.

Handgemalt

Anfangs mag man sich über die Grafik etwas wundern, da der Stil doch recht ungewohnt ist. Wunderhübsche, handgezeichnete Grafiken mitsamt Hintergrundanimationen und Close-Ups, die alteingesessene Adventurespieler noch aus Monkey-Island-Zeiten kennen dürften lassen dem Spieler den Mund offen stehen. Lediglich die animierten Figuren, die oft hakelige 3D-Modelle sind und ihren Nahansichts-Pendants kaum ähneln, kratzen ein wenig am glänzenden Lack. Trotzdem kann der Stil überzeugen – ungewohnt düster und mit ebenso ungewohnt viel Blut. Im Vergleich zu beispielsweise Deponia oder Edna bricht aus wirkt DSA – Satinavs Ketten fast erwachsen.

Der Rätselschlumpf fängt an

Die Rätsel sind anfangs sehr einfach. Man bekommt eine kurze Einführung, wie das Ganze funktioniert und erlebt eine sehr steile Lernkurve. Ungewohnt für ein Adventure sind die beiden zusätzlichen Fähigkeiten, die angewandt werden können; Neben den automatisch gewählten Aktionen „reden“, „nehmen“ oder „benutzen“ kann Geron zerbrechliche Gegenstände zerstören oder zerbrochene Items reparieren.

Durch die Außergewöhnlichkeit der Skills vergisst man anfangs oft, dass diese überhaupt existieren und versucht, Rätsel (vergeblich) auf andere Weisen zu lösen. Dabei stößt der Spieler an die Grenzen der Linearität. Abgesehen von zwei oder vielleicht drei Entscheidungen, die sich letztlich nicht auf den weiteren Spielverlauf auswirken, sondern meiner Erfahrung nach nur wichtig für bestimmte Achievements sind (Steam-Version), nimmt das Spiel immer den gleichen Verlauf. Auch sind alternative Lösungswege nicht möglich.

Später im Spiel nimmt die Schwierigkeit der Rätsel drastisch zu, selbst alte Hasen kommen hier ins Grübeln, besonders wenn ein Schlüsselitem übersehen wird und somit vorerst nicht im Inventar Gerons landet. Hierbei wurde stets darauf geachtet, dass die Rätsel nicht zu abgedreht oder unlogisch sind. Wer nachdenkt sollte immer auf die Lösung kommen, auch wenn keine klare Aufgabe besteht.

Wie bei jedem Adventure gilt auch hier: Komplettlösung tabu! Wer es eilig hat, kann das Spiel in unter 5 Stunden schaffen, der Durchschnitt sollte bei etwa 7 Stunden liegen (wenn man die Dialoge nicht wegklickt).

Die Sprecher sind super gecastet (englische Sprachversion) und machen so gut wie keine Fehler in der Betonung. Zwar gibt es ein oder zwei Stimmen, die ein bisschen zu albern sind, das Gros passt aber perfekt zu den ausgereiften Charakteren. Der Soundtrack plätschert derweil dezent im Hintergrund und verhält sich genau so, wie man es von einem guten Score erwartet: Er fällt nicht auf und nervt nicht. Gut gemacht, Daumen hoch!

Fazit

Daedalic hat sich hier wieder selbst übertroffen. Nachdem der Umfang von Deponia ja eher mager ausgefallen ist, können die Hamburger mit Das Schwarze Auge – Satinavs Ketten vollends punkten. Logische Rätsel, angemessene Spielzeit, tolle Sprecher und grandiose Grafik. Natürlich haben wir Edna, Harvey und Rufus ins Herz geschlossen, freuen uns aber dennoch über ein erwachseneres Spiel aus der nordischen Metropole und hoffen, dass das Franchise fortgeführt wird. 

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Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.