16 Jahre nach seinem letzten grafischen Adventure schöpft Tim Schafer mit vollen Händen aus der Kickstarterkasse, die die Produktion seines neuesten Machwerks bei Weitem überfinanzierte. Anstelle der angestrebten 400.000 Dollar, marschierte Schafer mit satten drei Millionen in der Tasche gen Double Fine-Hauptquartier, und begab sich an die endgültige Fertigstellung des Spiels mit dem Arbeitstitel Double Fine Adventure. Das war im März 2012.

Double_Fine_LogoSeitdem hat sich viel getan – Um es kurz zu machen: Das Spiel ist fertig. Zumindest zum Teil, denn Broken Age (so der finale Titel des heiß ersehnten Adventures) wird in zwei Akten ausgeliefert. Akt Nummer eins hat jüngst seinen Einstand auf der Spieleplattform Steam gefeiert und zeigt, wie viel Liebe ein kompetentes Team in möglichst wenig Spielzeit verpacken kann, denn Broken Age strotzt nur so vor unauffälligen Details und Referenzen – Die Bandbreite der Eingeweihten reicht vom alteingesessenen Adventure-Spieler, über den 14-Jährigen Fernsehzuschauer bis hin zum passionierten Kinogänger. Dabei pendelt die Stimmung stets zwischen ausgelassener Albernheit und bedrückender Melancholie hin und her, etwas, was selbst die erfahrensten Hollywoodautoren in ihren kühnsten Träumen nicht erreichen.

Widersprüchliche Heldengeschichten

GirlDialogTreeAber genau hier setzt Broken Age den Hebel an: Die Stories der beiden Hauptcharaktere Shay und Vella könnten in sich widersprüchlicher nicht sein. Shay, der auf einem Raumschiff lebt und vom Schiffcomputer bemuttert und von der realen Welt gänzlich abgeschottet wird, bricht aus seiner artifiziellen Blase aus, um wirklich Abenteuer zu erleben. Vella lebt in einem Dorf, das von einem schrecklichen Monster tyrannisiert wird und steht kurz davor, diesem als Jungfrauenopfer dargeboten zu werden, während ihre Familie diesen Akt mit Kuchen und Freude feiert. Schafer schafft es hier, greifbare Helden zu erschaffen und ihnen Glaubwürdigkeit einzuverleiben, was die jeweiligen Storylines nachvollziehbarer macht, obschon die Protagonisten beinahe durch Zufall in ihr Abenteuer stolpern.

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Meilenstein: Day of the Tentacle (1993)

Das Erstaunliche ist: Schafer erfüllt voll die Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Seit Grim Fandango im Jahre 1999, machte der Amerikaner einen großen Bogen um grafische Adventures, obwohl dieser mit Titeln wie Monkey Island oder Day of the Tentacle bisher seinen Lebensunterhalt bestritt und seine Ludografie einzig mit Games aus besagtem Genre gefüllt war. Dennoch wartet Schafer in Broken Age mit dem reifen Humor auf, der seit Bekanntgabe antizipiert wurde, überrascht dann aber durch Storyelemente, die einen derartigen Tiefgang besitzen, dass der Spieler tatsächlich ins Grübeln kommt: Einsamkeit, Mut, Selbstaufopferung, falsche Sicherheit. Broken Age nimmt uns mit auf eine vierstündige Achterbahnfahrt der Gefühle, die nicht nur narrativ exzellent umgesetzt wurde.

Schön schön und schön knifflig

Auch das optische Design kann überzeugen. Nathan Stapley, Lead-Artist für Double Fines Broken Age (unter der Art-Direktion von Lee Petty, der zuvor bereits für Stacking und Brütal Legend als Art Director tätig war), hatte bereits 1999 seine Finger in Spiel, als es um die grafische Umsetzung von Indiana Jones and the Infernal Machine ging. Zugegeben: Eine Offenbarung war das Spiel nicht, zeigt aber die Branchenerfahrung des Künstler, der seinen einzigartigen Artstyle,der fast ein ein wunderbar koloriertes Malbuch erinnert, gekonnt in die Welt des Grafik-Adventures überträgt. Auch wenn bestimmte Hintergrunddetails in vergrößerter Ansicht nicht ganz sauber aussehen und auch die Detailtiefe zwischen Charakteren und Umgebung stark divergiert, bin ich dennoch erstaunt ob der Schönheit der gezeigten Szenerien.

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Wird immer hinterherhinken: Deponia

Aber bei aller Story und bei all der schönen Grafikpracht: Was wäre ein Adventure ohne seine Rätsel? Einer der Punkte, in denen Daedalic immer noch den großen Vorbildern der Neunziger Jahre hinterher hinkt, ist die logische Tiefe der zu bewältigenden Aufgaben. Oft scheinen die Lösungen der deutschen Adventures zu abwegig, weil nicht ausreichend Zeit in die Konzeption selbiger gesteckt wurde. Man hat beinahe das Gefühl, als wollten die Macher witziger sein, als sie tatsächlich sind und implementieren als Ergebnis überchaotisierte Gedankengänge auf die Bildschirme der Fangirls und -boys.

BoyNavRoomAnders Double Fine: Zwar sind die gestellten Aufgaben nicht immer umgehend und einfach zu bewältigen, dennoch erkennt man immer eine unentbehrliche Logik hinter allen Aktionen, die den Spaß daran ausmacht, um die Ecke zu denken. Wenig Frust und kalkulierte Erfolgserlebnisse erinnern an den Spaß, den man in der Hochzeit der Abenteuerspiele hatte. Lediglich das Interface zur Interaktion mit der Welt hat einige Verbesserungen erfahren – Minimalismus und Usability stehen hier klar im Fokus, wobei das Konzept nicht immer gänzlich aufgeht. Hin und wieder fährt die Inventarleiste ungewollt hoch, weil man mit dem Zeiger in die Nähe kommt, auch das Scrolling innerhalb der Besitztümer klappt nicht immer reibungslos, eine Erleichterung gegenüber einer unübersichtlichen Masse an Aktionsverben, die die Hälfte des Spielbereiches einnehmen, ist dennoch offensichtlich.

Bedroom_WakeUpAuch der Soundtrack lässt Erinnerungen an vergangene Tage wiederaufleben – unauffällig und dennoch präsent rieselt ein liebevoll komponierter Score durch die Computerboxen des Spielers. Das kommt nicht von Ungefähr, zeichnet sich doch Peter McConnell verantwortlich für die musikalische Untermalung. McConnells frühere Machwerke hat sicherlich jeder, der meint, etwas von Videospielen zu verstehen, schon einmal gehört; Sei es in Monkey Island 2, Sam & Max Hit the Road, The Dig oder Hearthstone. Der Komponist hat es geschafft, die hübsch anzusehende Welt und die Geschichte um die beiden Protagonisten einzufangen und in musikalischer Form zu doppeln um dadurch die Geschehnisse auf dem Bildschirm zu intensivieren. Selten passte ein Soundtrack so perfekt zur Szenerie.

Ist das alles?

broken-ageUnd das alles hat 3 Millionen Dollar gekostet? Ja. Und nein. Zugegeben: Ich habe wirklich mit mir gerungen, Broken Age zu spielen, aus Angst, enttäuscht zu werden. Das ist mir in letzter Zeit öfter passiert, als mir lieb ist, und wird mittlerweile durch präventives Nicht-Spielen versucht zu vermeiden. Der ausschlaggebende Faktor, doch einen Blick zu riskieren, waren die hochrangigen Stimmen, die bekannte Schauspieler den Charakteren leihen. Der männliche Protagonist Shay beispielsweise wird von Elijah Wood (Frodo aus Der Herr der Ringe) gesprochen; Jack Black (School of Rock, King Kong und Sänger der Band Tenacious D) und Wil Wheaton (Star Trek – The Next Generation) reihen sich ebenfalls in die Riege der Synchronsprecher ein.

Als großer Fan von Wood und Black war ich erstaunt, als die Nachricht von der Beteiligung besagter Schauspieler an mein Ohr drang. Und wie es zu erwarten war, ist auch dieser Teil von Broken Age mehr als gelungen. Sämtliche Sprecher geben ihr Bestes, nicht eine falsche Betonung habe ich entdecken können – Da erkennt man, dass ausschließlich Profis am Werk waren.

Auf Wiedersehen!

Man kann über Kickstarter-Projekte sagen, was man möchte, aber wenn durch crowdgestützte Vorfinanzierung solche Spiele ermöglicht werden, dann bin ich der Letzte, der sich beschweren möchte. Tolle Charaktere, die man so schnell nicht vergisst, tummeln sich in einer wunderschönen Welt, in die man sich umgehend verliebt und am liebsten so schnell nicht wieder verlassen möchte. Ich bin froh, dass es (hoffentlich) bald weitergeht, den Akt 2, der den Abschluss der Geschichte beinhaltet, wird für Käufer kostenlos zur Verfügung gestellt, sobald dieser fertig ist.

Ich bin sicher, dass Broken Age schon jetzt ein Klassiker ist, der nicht der modernen Kurzlebigkeit der Videospielmentalität unterworfen ist, die selbst großartige Titel binnen kürzester Zeit in Vergessenheit geraten lässt.

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Broken Age: Act 1 was last modified: Januar 29th, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.