Es fühlt sich an, wie ein Add-On, ist aber ein vollwertiges Spiel, das aber zeitgleich keinen Hehl daraus macht, lediglich ein Borderlands 2 mit geringer Schwerkraft zu sein. The Pre-Sequel ist – der Name verrät es – Prequel und Sequel zugleich, verbindet also Borderlands mit dem zweiten Teil der Franchise. Es ist also unklar, was der jüngste Spross der Reihe überhaupt darstellt; Deswegen hier nun ein Versuch der Erklärung, der sich eher liest, wie ein übler Verriss.

TPS-01Borderlands 2 ist die Referenz. Ob Gearbox das nun einsehen möchte, oder nicht. Als Nachfolger und quasi „dritter Teil“ einer Spielereihe, hat man gewisse Erwartungen zu erfüllen: Größer, besser, bunter, schneller – ein Festival der wünschenswerten Adjektive. Jedoch ist der Auftritt, den das Pre-Sequel hier hinlegt eher mittelmäßig. Eine begrenzte Spielwelt, die sich in ihrem Mikrokosmos kaum unterscheidet. Die interessanten Bereiche scheinen, als hätten sich die verantwortlichen Game-Designer ordentlich bei Spätneuniziger-Spieleikonen bedient.

TPS-02Passable Spieler, die nicht viel Wert auf Sidequesting legen, erreichen viel zu schnell das Ende des Spiels, so dass die Spielfigur bei Weitem davon entfernt ist, es mit dem Endboss aufnehmen zu können. Auch hier erkennt man wieder ein klares Problem im Mikrokosmos des Spiels: Nichts ist stimmig, alles wirkt aufgesetzt. Genau wie die Nebencharaktere, die nicht wirklich einen bleibenden Eindruck hinterlassen – zu gewollt und gezwungen stereotypisch agieren die Polygonhaufen. Es kommt keine Verbindung zum Spieler zustande, in den meisten Fällen habe ich mir nicht einmal die Namen gemerkt.

TPS-03Doch trotz aller Schwächen, schafft es Gearbox, ein Borderlands zu erschaffen. Mein Text mag jetzt etwas ins Philosophische abdriften, aber BL war und ist nunmal etwas Besonderes. Alles ist hakelig, sieht aus, wie mit der groben Kelle geschnitzt, erscheint völlig zufällig und wird erst nach dem 27. Durchspielen so richtig gut, aber wer Fan ist, liebt jedweden Output aus dem pandoranischen Einzugsgebiet. Dazu gehört natürlich auch das exzessive Waffensammeln, das durch einen weiteren Waffentyp – die Laserwaffen – ergänzt wurde. Dafür fehlen die Slagwaffen aus Borderlands 2, was sich aber irgendwie, mehr oder weniger gezwungen, durch die Story erklärt.

„Gezwungen“ ist eigentlich das richtige Wort, um den Handlungsstrang zu definieren. Irgendwie macht nichts so wirklich Sinn und fast alle Ereignisse scheinen ohne Hintergrund zu geschehen. Besonders die Wandlung von Jack, dem Programmierer, zu Handsome Jack, dem schurkigen Superschurken, geschieht in einem unnatürlichen Rhythmus, der dem Spieler beinahe eine Punktwandlung suggeriert. Bis zum dramatischen Finale und dem Anschluss an Tel zwei der Spielereihe wird die Nuancierung merkwürdig grob gehalten. Dabei sollte Anthony Burch durch seine Erfahrung eigentlich mehr rausholen können.

TPS-04Ich vermute, dass The Pre-Sequel einfach das Problem hat, dass Borderlands 2 ein zu gutes Spiel war und die Messlatte für ein Spiel im gleichen Universum einfach zu hoch legte. Stellt sich angesichts des eher mittelmäßig anmutenden Pre-Sequels die Frage, inwieweit da jetzt noch Potenzial vorhanden ist. Der fehlende BL2-Charme des jüngsten Sprosses lässt fasst darauf schließen, Burch und Pitchford hätten ihr Mojo verloren, denn sowohl Story, als auch die Großartigkeit des Gesamtsubjekts stinken im direkten Vergleich gewaltig ab. Und dieser Vergleich ist nötig, ist das Pre-Sequel doch als Bindeglied konzipiert und schlägt somit in die gleiche Kerbe wie die „großen Schwestern“. Das Gefühl, einen halbherzig zusammengezimmerten DLC zu spielen, vergeht in den seltensten Fällen. Und dies obschon der wohl wichtigsten Neuerung überhaupt: Personalisierte Dialoge. Während in sämtlichen Vorgängern NPCs Gespräche per se immer in Form von „ihr Kammerjäger“ führten, wird hier direkt auf den Charakter eingegangen, der – aufgepasst – sogar antwortet. Im Multiplayermodus wird die Replik per Zufall vergeben, so dass Gespräche innerhalb einer Gruppe in den seltensten Fällen, abhängig von der Konstellation, gleich sind.

Unterm Strich heißt das für Gearbox, dass die Anstrengungen, die für ein etwaiges Borderlands 3 nötig sind, gegenüber denen, die dem Pre-Sequel zu Teil wurden, potenzieren muss um die exponentielle Awesomeness-Kurve der bisherigen Hauptteile fortführen zu können. Dazu gehören selbstverständlich ein Release auf Next-Gen-Konsolen und vielleicht – ganz vielleicht – ein neues Universum, in dem sich die kreativen Köpfe erneut austoben können und nicht an vergangene Geschehnisse gebunden sind. Denn das scheint dem Spiel nicht zu bekommen.

Ob das Fazit „Es ist immer noch Borderlands und ich liebe es!“ mir das nächste Mal so leicht über die Lippen kommt, bleibt also abzuwarten. Kauft das Teil, habt Spaß damit, aber erwartet kein Borderlands 2.

 

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Borderlands: The Pre-Sequel was last modified: November 11th, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.