Nachdem Battlefield 4 schon für einen Zehner auf dem Grabbeltisch zu haben ist und auch regelmäßig für noch weniger im PSN-Sale auftaucht, liefern Dice und Electronic Arts endlich wieder Krieg ins Wohnzimmer. Die etwas ungewöhnliche Betitelung ließ mich zunächst stutzen, macht aber eigentlich wirklich Sinn. Denn Battlefield 1 spielt nicht nur im Ersten Weltkrieg, sondern wäre in seiner chronologischen Platzierung logischerweise ebenfalls an erster Stelle.

Dabei möchte ich mich in meinem Review auf die Kampagne konzentrieren; meine Fähigkeiten in Multiplayermodi jedweder Art sind irgendwo unter Null anzusiedeln. Während 14-Jährige gleichzeitig Killstreaks sammeln und meine Mutter über den Voicechat beleidigen können, kämpfe ich damit, geradeaus zu laufen. Doch wer annimmt, dass Battlefield 1 eine ähnlich simpel gestrickte wie actionreiche Kampagne auffährt wie seine Vorgänger, irrt sich gewaltig. Vielmehr serviert uns EA hier etwas, was sie in dieser Form noch nie gemacht haben.

Kanonenfutter

Was folgt, sind Frontkämpfe. Du wirst wahrscheinlich nicht überleben.

Der Beginn der Kampagne ist gleichsam merkwürdig und deprimierend. Junge Menschen, gerade mal 18 oder 20 Jahre alt, kämpfen zwischen zerbombten Häusern und Panzerspuren im Schlamm ums nackte Überleben. Der Feind, die Armee des deutschen Kaiserreiches, setzt meinem Bataillon ordentlich zu, sogar Soldaten mit Flammenwerfern stehen mir gegenüber. Der Kampf ist aussichtslos, und das lässt mich das Spiel auch spüren. Anfangs habe ich noch ein gutes Gefühl, doch dann wird meine Spielfigur von immer mehr Kugel getroffen und sinkt am Ende unvermeidlich in sich zusammen. Tot. Gerade mal 18 Jahre alt ist der junge Soldat geworden, in dessen Haut ich schlüpfen konnte. Und er wird nicht mehr auferstehen, kein Respawn, kein zweiter Versuch.

Neuer Versuch, neuer Soldat. Auch dieser junge Mann, gerade mal 20, stirbt. Und so zieht sich das Schema durch die ersten knapp 10 Minuten des Spiels. Hier wird dem Spieler von Anfang an klargemacht, dass Krieg kein Spaß ist. Hier sind echte Menschen gestorben, deren Namen in der Maße an Toden kaum noch Gewichtung zu haben scheinen. Junge Männer, die nie eine Chance hatten.

Die Qual der Wahl

Nachdem dieser Brocken erstmal verdaut ist, finde ich mich im Kampagnenauswahlbildschirm wieder. Denn Battlefield 1 besitzt nicht eine lange Kampagne, sondern mehrere kleine, die die Geschehnisse des Krieges zwischen 1914 und 1918 widerspiegeln. Ein erfrischend unverbrauchtes und gleichzeitig bedrückendes Szenario, das den Spieler mit voller Wucht in martialische Schlachten und unmenschliche Gefilde stößt. In eine Zeit, in der ein Menschenleben weniger als nichts wert war.

Dice erzählt hier Geschichten von Menschen, von ganz normalen Soldaten, Einzelschicksale. Keine Heldenstorys aber dennoch die gewohnt einseitige Erzählweise. Lediglich alliierte Truppen werden in den Erzählungen behandelt. Keine Deutschen, nicht einmal Russland oder Frankreich, die ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle im Ersten Weltkrieg einnahmen, dürfen hier gewählt werden.

Laut oder leise?

Auch im Gameplay geht Electronic Arts mit Battlefield 1 völlig neue Wege. Dem Spieler wird die Wahl gelassen, welche Herangehensweise er wählt, um durch die zunächst schlauchförmigen, später dann sehr viel komplexeren Levels zu gelangen. Renne ich mitten durch gegnerische Stellungen und vertraue darauf, dass ich überlebe? Oder schleiche ich durch die engen Gassen und dunklen Häuser und schalte meine Gegner lautlos aus?

Dabei wurde stets auf den größtmöglichen Authentizitätsgrad hinsichtlich der verschiedenen Waffen geachtet. Hier werden nur Gewehre und Handfeuerwaffen verwendet, die tatsächlich in dieser Form Anfang des 20. Jahrhunderts eingesetzt wurden.. Das knabbert natürlich an den Nerven derjenigen Spieler, die gerne mit vollautomatischen Gewehren und großen Magazinen durch die Feindwellen preschen. Denn das, was in Battlefield 1 im Spielerarsenal landet, hat oft nur einen Schuss oder muss erschreckend oft nachgeladen werden. Historisch gesehen top, für meine persönlich Art zu spielen allerdings nicht sonderlich dienlich.

So besteht mein Durchspielen in einigen Passagen daraus, dass ich öfter tot auf der Erde liege als tatsächlich Erfolge zu feiern. Das ist zwar unglaublich ernüchternd und deprimierend, lässt mich allerdings meine Herangehensweise überdenken und neue Taktiken gedeihen. So bahne ich mir in einem Leben den Weg mit Stolperfallen sowie Explosionen und als ich damit scheitere, hocke ich mich in eine alte Windmühle und versuche, dem Fritz per Scharfschützengewehr das Sauerkraut wegzuballern. Mit viel Glück bemerken die Feinde nämlich nicht, woher der Schuss kam und rennen wie ein aufgescheuchter Haufen Hühner durch die Gegend.

Die Inszenierung und die grafische Darstellung hier ist grandios. Leider wechselt das Spiel in Zwischensequenzen allerdings zu Videodateien, was die Griffigkeit der Kampagne leider etwas schwinden lässt. Dafür ich die Fahrzeugsteuerung von allerhand Kriegsgefährt toll umgesetzt. Flugzeuge und Panzer steuern sich wie frisch geschmiert, alle Lichteffekte und Landschaften wirken, wie man es von der Battlefield-Reihe gewohnt ist, realistisch bis der Feldsanitäter kommt.

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Tränenreiche Fassade

Das ganze Schauspiel im Einzelspielermodus geht natürlich dann mitsamt seiner tränenreichen Fassade den Bach runter, sobald man den Mehrspielermodus betritt. Da kämpfen bis zu 64 Spieler darum, möglichst viele Kills zu sammeln, als Beispiel genommen. Dies macht alles, was Dice sich mühsam durch die Kampagne erarbeitet hat, zunichte. Dann ist der eigene Tod kein Einzelschicksal mehr, sondern notwendiges Übel. Der Einsatz von Senfgas wird zur taktischen Option und ist nicht länger verheerendes Kriegsmittel. Schade eigentlich, denn dies unterstreicht, auf welchen wackeligen Beinen Kriegsspiele heutzutage immer noch stehen. Der Zwang, ein wackeliges Multiplayerkonstrukt an einen ansonsten tollen Titel anzuflanschen, hat mich bereits bei vielen anderen Spielen, unter anderem auch Tomb Raider, kritisch die Augenbrauen heben lassen. Sicher lebt Battlefield vor allem von seinen Mehrspielerschlachten, ich persönlich sehe diesen Modus allerdings immer eher als notwendiges Übel.

Fazit

Battlefield 1 überzeugt vor Allem durch seinen Kapagnenmodus, der auch lange nach Beendigung schwer im Magen liegt. Allerdings nie so schwer wie ein Spec Ops: The Line das seinerzeit tat. Ungeschminkter Frontenkrieg trifft hier auf digitale Popkultur. Das erzeugt zwar oft Reibung innerhalb seiner Narrative, fühlt sich aber unglaublich greifbar an. Ich ertappte mich beim Spielen häufig dabei, tatsächlich Spaß daran zu haben, was ich gerade tat und ließ vergangene Kriegsspiele Revue passieren.

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich mir selbst erlaube, daran Spaß zu haben. Weil ich für mich selbst differenzieren kann, was Realität und was Spiel ist. Und weil ich das Geschehene für mich reflektiere. Das ist etwas, was ich mir von mehr Menschen wünschen würde. Und ich hoffe, dass nach der Kampagne von Battlefield 1 auch mehr Menschen darüber nachdenken, ob sinnloses Leid, so abstrakt, pixelig und fernab jedweder Realität das auch sein mag, nicht doch irgendwo jemandem wehtut.

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Battlefield 1 was last modified: Oktober 25th, 2016 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln.
Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.