Es ist erstaunlich, wie sehr sich die einzelnen Titel innerhalb einer Franchise unterscheiden können. Gerade die Assassin’s Creed-Reihe ist ein Garant für überraschende Neuerungen, die nicht immer zwingend einen positiven Effekt auf das entsprechende Spiel haben müssen. Nehmen wir beispielsweise das deplatziert wirkende Tower-Defense-Element aus Revelations oder so ziemlich alles aus Assassin’s Creed III.

Vive la France!

Assassin's Creed® Unity_20141118205818Dass das auch anders geht, hat das letztjährige Release Black Flag gezeigt. Nicht nur durften Spieler endlich wieder ein mehr als hervorragendes AC erleben, Ubisoft schaffte es sogar, eines der besten Piratengames der letzten Jahre auf den Markt zu werfen. Die Next-Gen der Konsolen (und die PC-Meisterrasse) bekommen nun erneut einen Haufen Änderungen und Neuerungen um die Ohren geschlagen, dass die Bastille wackelt, denn Unity (erschien in hiesigen Gefilden zeitgleich mit dem Last-Gen-Titel Rogue. Rogue, nicht Rouge) greift nicht nur wieder eine bisher nicht erforschte Zeitepoche auf, sondern erweitert das Gameplay um einige wichtige Funktionen.

So sind beispielsweise die Zeiten passé, in denen ein Druck auf den „Fallenlassen“-Knopf während man auf dem höchsten Gebäude der Stadt steht, noch einen Adrenalinschub auslöste, weil man nicht wusste, ob man den bodenlosen Sturz überleben würde. Im Jahre 2014 sieht das ganz anders aus, dank Chief Parkour Officer (kein Scheiß, gibt es wirklich) Michael „Frosti“ Zernow. Nun ist nämlich ein kontrollierter Abstieg möglich; Die Spielfigur nimmt immer den schnellsten Weg abwärts und vermeidet Sprünge, die Fallschaden verursachen könnten. Dabei werden die Bewegungen (manchmal) hübsch zusammengesetzt, genau wie beim Erklimmen der Pariser Häuserschluchten.

At the dawn of revolution

Assassin's Creed® Unity_20141113201055Apropos „Paris“: Zehn Jahre lang tobte Ende des 18. Jahrhunderts in der französischen Hauptstadt der Aufstand. Ziel war die Abschaffung des absolutistischen Staates und die Aufklärung des Bürgertums, in Zentrum des Geschehens die allseits bekannte Bastille, die lange Zeit als Gefängnis diente. Den Sturm auf die Bastille als Anlass nehmend, fliehen wir als Arno Victor Dorian, dessen Vater und Adoptivvater auf unnatürlichem Wege ablebten, per beherztem Hechtsprung vom Dach des Zuchthauses, in die Freiheit. Nach Rache für besagte Morde gelüstend, tritt Arno den Assassinen bei und assassiniert sich fortan durch Paris. Wobei niemand so genau weiß, warum jetzt genau. Sinn und Motivation sucht man hier vergebens, Arno wird sogar behandelt wie ein Kind, genau die eine Sache, die der hitzköpfige Jungspund so gar nicht leiden kann.

Es ist ja nicht so, als seien AssCreed-Titel nicht schon immer wunderhübsch gewesen (natürlich immer die Relationen betrachtend), aber Unity ist wohl eines der schönsten Spiele per momentanem Next-Gen-Status-Quo. Nicht nur ist Paris gigantisch groß – alles sieht aus, wie frisch aus den Geschichtsbüchern. Die Straßen sind voller NPCs und voller Leben. Selbst kleinste Details, die wohl nur die wenigsten Spieler tatsächlich beachten, versuchen, die Immersion der Zeitreise ins 18. Jahrhundert zu perfektem Glanz zu verhelfen. Lediglich die starken Ruckler und Forced-Drops (Verringerung der Spielgeschwindigkeit bei sehr rechenintensiven Manövern, wie z.B. das Durchqueren immenser NPC-Massen) nagen an der Illusion wie ein Franzose am Baguette. Zudem laufen die Bewegungsabläufe des Protagonisten bei Kletteraktionen selten flüssig ineinander über, auch wenn sich hier im Vergleich zu Last-Gen-Titeln der Franchise einiges getan hat. Glaubte man seit jeher eher an eine Art unbeholfenes Kraxeln an Hauswänden, sieht man 2014 eindeutig die Parkour-Einflüsse der realen Vorbilder. Drehungen, Armsprünge, Durchbrüche – Endlich wurde dem Sport Tribut gezollt.

Ubis Probleme

ACU_Screen_ParisRooftop_E3_140609_4pmPST_1402143770Aber Ubisoft hat offensichtlich ein großes Problem: Das Spiel ist zu umfangreich. Eine Krankheit, die vor allem Open-World-Titel befällt. Die Symptome sind: Collectibles, Nebenquests, Character-Customization. Unity ist voll davon. Und ich meine wirklich voll. Öffnet man die Karte der Stadt, sieht man kaum mehr die Spielfigur vor lauter Icons, die auf Nebenmissionen und zu sammelnde Gegenstände hinweisen, nicht mehr. Wie viel Zeit habe ich damit verbracht, Arno hier zu suchen? Zum Durchatmen, wenn man kurz vor einem Ausraster steht, empfiehlt sich, die Spielfigur mit neuer Kleidung, Waffen und Fähigkeiten auszurüsten. Das war bis dato immer überschaubar, eskaliert im jüngsten Teil aber bis der Arzt kommt. Jedes Kleidungsstück kann geändert, jede Waffe in zig Variationen ausgetauscht werden – Und jeder Neukauf kostet Geld; Eine von vier (!) Ingame-Währungen, die bereits ein Hinweis auf das größte aller Übel sind: Mikrotransaktionen (dö-dö-dööööm!)! Dabei kann der geneigte Spieler zusätzlich zum Retailpreis zur Geldbörse greifen und zusätzlich bis zu 100 Euro auf den Tisch legen, um erwähnte Ausrüstungsgegenstände freizuschalten. Dass dies selbstverständlich ab einem gewissen Punkt sinnlos ist, muss ich niemandem erzählen. Schaltet man nämlich ab einem bestimmten Spielfortschritt die beste Waffe oder die besten Stiefel frei, braucht man – logischerweise – die niedrigstufigeren Items nicht mehr, was dazu führt, dass der Großteil der erkauften Ingame-Credits ungenutzt auf dem virtuellen Konto verbleibt. Engagierte Spieler können zudem sämtliche Gegenstände auch ohne zusätzliches Investment freispielen, abgesehen von bestimmten Truhen. Und hier ist auch der Teil des Spiels, der mich am meisten verwirrte.

Wie es bei der AC-Franchise mittlerweile üblich ist, habe ich die Möglichkeit, eine Companion-App zum Spiel auf mein Smartphone oder Tablet zu laden. Dies war bei Black Flag bereits der Fall, wobei der Ingame-Vorteil durch viel zusätzliches Geld größer als der tatsächliche Spielspaß der App an sich war. Dafür, dass ich auf dem Klo, in der Bahn oder auf der Arbeit die Seeschlachten kämpfen durfte und nicht wertvolle Quality-Time auf der heimischen Couch an eine relativ unsinnige Beschäftigung verschwenden musste, gibt es Extrapunkte. Die Unity-Companion-App lässt mich gleich hinsichtlich mehrerer Punkte die Augenbrauen heben und meine Lippen ein lautloses „What the Fuck“ formen. Zum einen ist da Minispiel, das hier zum Vorankommen gespielt werden muss, äußerst unsinnig und unspaßig. Symbole auf Pariser Gebäuden finden. Gähn. Wenn ich aber bestimmte Truhen in Paris öffnen möchte (nach der ersten hatte ich bereits die Lust verloren, immerhin befanden sich hierin lächerliche 250 Livre), komme ich nicht umher, die Batterielaufzeit meines Handys drastisch zu verkürzen.

Eine weitere Möglichkeit, die in der ganzen Stadt verstreuten Behältnisse zu öffnen, ist über – Achtung! – das Assassin’s Creed Initiates-Programm. Wer hier einen bestimmten Level erreicht hat, darf sich am Inhalt der Truhen erfreuen. Doch wie erreicht man einen höheren Rang? Ganz einfach: Anmelden und bestimmte Missionen in Assassin’s Creed-Teilen spielen. Ob das nun Revelations oder Black Flag ist – der Verkauf der Franchise soll hier ordentlich angekurbelt werden. Dass auch hier die investierte Zeit nicht die letztendliche Belohnung wert ist, ist zu erwarten gewesen. Wer kommt auf die Idee, eine solche unverschämte Schikane ins Spiel zu bauen? Und viel wichtiger: Wer kommt auf die Idee, für den belanglosen digitalen Tinnef eines Spiels, solch einen Aufwand zu betreiben?

Trotz aller Mängel…

Assassin's Creed® Unity_20141113222241Kopfschüttelnd lasse ich die Kisten Kisten sein und widme mich wieder dem eigentlichen Spiel. Denn das macht wirklich Spaß. Viele sinnige Änderungen treffen hier auf unnötige Bugs und Glitches, die nicht nur an der Framerate knabbern, sondern auch den Spielfluß mitunter sehr behindern. Wenn man sich aber drauf einlässt, bekommt man ein solides Spiel, trotz der fragwürdigen Backstory und dem dummdreisten Ubi-Inhouse-Belohnungssystem. Paris sah noch nie so hübsch aus! Außerdem lernt man – wenn man aufpasst – wieder viel Geschichtliches. Ein Faktor, der bei der Betrachtung der Franchise oft außer Acht gelassen wird. Zwar biegen und beugen die Macher die tatsächlichen Geschehnisse zu Teil extrem, wer aber daraus den Anreiz zieht, sich selbstständig über die Hintergründe kundig zu machen, der ist ein guter Mensch. Ebenfalls nicht zu verachten: Wer die 20 (+) Stunden aufmerksam in Paris verbracht hat, findet sich später mit Sicherheit problemlos in der echten Stadt zurecht. Zumindest, was die „Hauptattraktionen“ angeht. Als kleines Extra gibt es noch Koop-Missionen und abwechslungsreiche Sprünge durch andere Zeitepochen, die nicht nur regelmäßig eine Gänsehaut verursachen, sondern zusätzlich mit Action vollgepackt sind, bis der Assassine kommt.

Ich bin Fanboy. Ich bleibe Fanboy. Ich denke mir bei Dingen wie der bis zum Rand vollgepackten Karte und den unnötigen dreisten Abzock-Versuchen immer „Muss ich ja nicht machen.“ und kann mich so auf die Essenz des Spiels konzentrieren. Unity mag bei Weitem nicht der beste Teil der Reihe sein, sehr viel Spaß konnte ich trotzdem haben, nicht alleine wegen der vielen „Wow!“-Momente.

Hach!

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Assassin’s Creed Unity was last modified: Dezember 3rd, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.