Assassin’s Creed ist ja ein bisschen wie Windows: Nur jedes zweite Release ist wirklich gut. Dass diese Regel zutrifft (sofern man sich Seitenreleases wie beispielsweise Rogue wegdenkt), zeigt der jüngste Ableger der Reihe. Nach dem verbuggten und auch ansonsten eher mittelmäßigen Unity, stolpert Syndicate (lange Zeit unter dem Arbeitstitel „Victory“ bekannt) pünktlich zum Weihnachtsgeschäft auf den Markt. Diese subjektive Wertung erfolgt natürlich immer im Nachhinein, besonders, wenn der Nachfolger um so viel besser ist.

Anfangs war ich von Setting eher unbeeindruckt, auch der erste Reveal in Videoform, in dem das London in Zeiten der industriellen Revolution, die Charaktere und das neue Kampfsystem vorgestellt wurden, ließen mich völlig kalt. Irgendwie wollte ich nicht so recht auf den Syndicate-Zug aufspringen. Aber da ich – wie alles wissen – eigentlich ja großer AssCreed-Fanboy bin, ließ ich mir nicht nehmen, das Teil doch mal in die heimische PS4 einzulegen. Und was soll ich sagen? Ab Minute eins gibt das Spiel Vollgas. In Sachen Witz, Spaß, Gameplay, Grafik, Musik macht Syndicate alles richtig, ein Erlebnis, das ich seit Black Flag nicht mehr hatte. Es scheint, als habe Ubisoft sich das stets saftige Feedback aus der Community endlich mal zu Herzen genommen.

So trifft man direkt zum Start auf die Assassinen-Zwillinge Evie und Jacob Frye. Evie ist eine taffe, clevere Dame, deren Skills denen ihres ungehobelten und vorlauten Bruders in nichts nachstehen. Im Gegenteil: Im späteren Spiel unterscheiden sich die anfangs kongruenten Fähigkeiten enorm und der Fakt, dass man sich – abhängig von der Priorisierung einer automatischen Figurenwahl passend zur Story – seinen steuerbaren Charakter aussuchen kann, ermöglicht entsprechend unterschiedliche Playstyles. So ist Jacob entsprechend seiner Persönlichkeit eher der ungestüme Haudrauf, während Evie sich schleichend durch die Schatten bewegt. Das sind letztlich nur Nuancen an Differenz, die aber den entscheidenden Unterschied machen und den Charakteren den entscheidenen Vorteil innerhalb ihrer Skillung verpassen.

Was die Story selbst betrifft, verlässt Syndicate erneut den ausgetretenen Pfad der Vorgänger. Nach Pflichtbewusstsein, Rache, nochmal Rache, nochmal Rache und der Gier nach Geld ist das Hauptmotiv der Protagonisten nun Rebellion und der Drang nach Veränderung. Die Zwillinge missachten die Befehle des Assassinenordens um die Vorherrschaft der Templer im britischen London zu beenden. Dies bedeutet vor allem, sich Verbündete zu suchen, damit dieses Guerilla-Unterfangen auch gelingt. Unter anderem sind das Ikonen wie Alexander Graham Bell und Charles Darwin, die den Zwillingen ordentlich unter die Arme greifen – Hilfsmittel wie der brandneue Seilwerfer vereinfachen die Häuserkletterei enorm. Während man früher für einen raschen Übergang von Haus zu Haus auf Verbindungselemente wie Bretter oder Seile angewiesen war, genügt jetzt ein Druck auf die entsprechende Taste um den jeweiligen Charakter ein Seil spannen zu lassen, an dem er herabgleiten oder hinaufklettern kann. So können auch hohe Konstrukte – Türme, Hausdächer, Schornsteine… – in Sekundenschnelle erklommen werden.

Auch das Schleichsystem wurde im Vergleich zu Unity überarbeitet. Statt nur bei heruntergedrückter Taste zu schleichen, wird der Stealth-Modus per Druck aktiviert und deaktiviert, optisch zu erkennen, am Aufziehen der typischen Assassinen-Kapuze. Somit hält ein fast verloren geglaubtes Feature wieder Einzug ins die Serie: Das Schleichen. Während Teil drei und vier der Reihe sehr, sehr actionlastig waren, besinnt sich Ubisoft wieder auf seine Wurzeln und belohnt Spieler dafür, sich nicht kopfüber mit dem Schwert ins Getümmel zu schmeißen. Durch den Seilwerfer gestalten sich Szenerien in alten Gießereien fast so, als würde man ein Spiel aus der Arkham-Reihe spielen. Vom Stahlträger runter, meucheln, unentdeckt wieder hoch, nächster Gegner. Das kannte man von Assassin’s Creed bisher so nicht, ist aber eine willkommene Abwechslung zum ewig gleichen Blocken und Schlagen.

Wer Probleme hat, den zum Teil starken Gegnern beizukommen, der kann sich Unterstützung von der eigenen Gang holen. Ganz im Sinne der 1880er Jahre, geben sich hier verfeindete Gangs gegenseitig auf die Schiebermütze, weswegen Jacob zu Beginn des Spiels beschließt, eine eigene Gang zu gründen. Dass diese ab diesem Zeitpunkt sofort in ganz London präsent ist und schnell die vorherrschende Truppe aus der Stadt verdrängt, ist erstaunlich. Zwar dem Komfort des Spielers ungemein zuträglich, aber doch mehr als unrealistisch.

Komfortabel ist ebenfalls, dass die Karte nicht wieder mit jedem einzelnen Collectible zugemüllt wurde. Das erste Öffnen dieser Funktion im Vorgänger ließ meinen Kopf vor Informationen fast platzen. Statt dessen ist jetzt alles recht übersichtlich, auch wenn ich mir wünschen würde, weiter herauszoomen zu können, um die flächenmäßig großzügig angelegte Londoner Innenstadt in Gänze betrachten zu können. Helix-Glitches, Truhen und anderer sammelbarer Kack stehen trotzdem noch auf der Liste, die 100%-Jünger abzuarbeiten haben. Ich werde mir das auch dieses Jahr sparen. Dazu fehlt mir einfach die Zeit und die Motivation, offensichtlich werde ich zu alt für den Scheiß. Wobei ich das bei Black Flag ja noch gemacht habe. Da war das Sammeln der weltweit verstreuten Objekte aber noch etwas übersichtlicher gestaltet.

Grafisch glänzt Syndicate auf ganzer Linie. Während Unity vor einem Jahr noch locker das hübscheste Spiel auf Next-Gen-Konsolen war, kann das Küken im AssCreed-Stall diesen Pokal nicht mehr so einfach an sich reißen. Zwar stechen besonders die Straßentexturierung und die Animationen der Protagonisten deutlich hervor, im Gros sehen andere Spiele leider mittlerweile besser aus, was aber natürlich kein Minuspunkt ist. Syndicate sieht großartig aus und die Kinderkrankheiten, die die neue Engine 2014 noch mit sich brachte, sind offenbar gänzlich passé.

Wer nicht Core-Fanboy ist, kriegt hier wieder die ultimative Spar-Empfehlung: Wenn man mit dem Spielen dieses tollen Titels noch warten kann, kann man erst im nächsten Sommer zugreifen. Ubisoft ist nämlich – gerade bei Next-Gen-AssCreeds – offenbar in Geberlaune und verhökert relativ junge Titel sehr schnell zum Schleuderpreis. Unity ist beispielsweise bereits seit Monaten für knapp 30 Euro zu haben. Einfach mal die Schnäppchenportale im Auge behalten und ordentlich Spielzeit für wenig Mücken abgreifen.

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Assassin’s Creed Syndicate was last modified: November 17th, 2015 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.