Ein Mann mit Kapuze meuchelt sich durch das 18. Jahrhundert. Altaïr? Ezio? Möööp! Ein neuer Assassine fährt die Klingen aus!

Achtung, dieses Review könnte Spoiler und Spuren von Nüssen enthalten!

Ich bin ganz ehrlich: Ich liebe es, ein Fanboy zu sein. Nach meiner anfänglichen Abneigung gegenüber der erfolgreichen Marke der Ubisoftler, hat sich im Laufe der Zeit eine wahre Leidenschaft entwickelt. Nach dem leider sehr schwachen ersten Teil ging es bergauf und Assassin’s Creed konnte sich zu einer meiner Lieblingsfranchises hocharbeiten. Besonders seit dem letzten Teil, Revelations, bin ich absoluter Fanboy und habe mich ein Loch in den Bauch gefreut, als der „dritte“ Teil (eigentlich ist es ja der fünfte) der Serie das arrcade-Hauptquartier erreichte.

Ich heiße Ratohnhaké:ton, aber meine Freunde nennen mich Connor.

Ein neuer Assassine betritt die Bildfläche. Aus vorhergehenden Recherchen weiß ich, dass dieser den Namen Connor trägt und zur Hälfte amerikanischer Ureinwohner ist. Doch diesen bekomme ich zunächst nicht zu sehen. Statt dessen lässt ein Engländer mit der deutschen Synchronstimme von Daniel Craig (macht wohl sehr gerne auch Computerspiele) die Klingen sprechen und assassiniert sich durch London und Boston, hüpft über Häuserdächer und versteckt sich in Heuhaufen. Wo bleibt Connor? Spiele ich das falsche Spiel? Stunden vergehen – ohne, dass mein neuer Liebling auf der Bildfläche erscheint. Ich schaue mir erneut die Spielebox an. Connor vorne drauf, Connor hinten drauf; Also spiele ich weiter und so langsam dämmert mir, wer der Engländer mit der coolen Stimme sein könnte.

Einige Zeit später bestätigt sich mein Verdacht und endlich, endlich komme ich dazu, die Hauptfigur des Spiels zu spielen. Er ist ein Kind und spielt mit den anderen Blagen des „Indianer“-Dorfes verstecken. So lerne ich die Grundlagen des Spurenlesens, welches im späteren Verlauf des Spiels allerdings leider absolut überflüssig ist. Nach und nach kristallisiert sich eine Geschichte aus dem Wust der Charaktere heraus: Connors Dorf wird niedergebrannt, die Mutter stirbt. Und Schuld sind die bösen Templer. Grund genug für den nun erwachsenen jungen Mann, sich für „die gute Sache“ einzusetzen und der Assassinengilde beizutreten.

Obwohl Connor eigentlich einen klaren Background hat, ist die Story relativ schwer zu verstehen, was aber nicht an der Geschichte an sich liegt, sondern vielmehr an den unzähligen Charakteren, die irgendwie alle irgendwie etwas mit der bevorstehenden Revolution zu tun haben. Das Szenario des Amerikanischen Bürgerkrieges Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges wird leider viel zu sehr ausgereizt; Als mittelmäßig an der Geschichte der Staaten interessierter Mitteleuropäer wird man mit derart vielen Namen bombadiert, dass man irgendwann aufhören könnte, den Sinn des Gesagten zu erfassen. Alles Stoff, den die Amis bereits in der Grundschule eingetrichtert bekommen.

Neues Spiel, neue Engine

Ein neues Spiel soll neben einer neuen Story natürlich auch weitere bunte Neuerungen mit sich bringen. So verpasst Ubisoft Assassin’s Creed III eine aufgebohrte Grafikengine, AnvilNext genannt. Eigentlich ein cooles Teil, denn Wind- und Wettereffekte und detailliertere Gesichter sind nur marginale Features des neuen Motors. Ich fand die neuen Animationen des Hauptcharakters einfach nur atemberaubend. Selten habe ich derart organische Bewegungen gesehen, die fließend ineinander übergehen. Außerdem schafft es AnvilNext, bis zu 2000 (!) Nichtspielercharaktere gleichzeitig auf dem Bildschirm darzustellen. Ob das nun Bürger beim Aufstand auf dem Rathausplatz oder Soldaten inmitten einer Schlacht sind – das ist wirklich beeindruckend.

Eine neue Engine bringt aber leider auch neue Bugs mit sich. So kommt es vor, dass Questgeber komplett fehlen, abgeschlossene Aufträge nicht abgegeben werden können oder der Spieler auch mal gerne durch den Boden ins Nichts und somit in den sicheren Tod stürzt. Gegner, die in Bäumen feststecken und somit nicht getötet werden können sind hier ein unwesentlicheres Problem. Die strunzdumme KI ist zum Teil sogar ganz lustig.

Zwar läuft die neue Engine hübsch flüssig auf allen Konsolen – Tearing und Ruckler sucht man fast vergeblich – leider aber darf man nicht zu nah am heimischen Fernseher sitzen, denn sonst fallen die kotzhässlichen Schatten und breiartig-matschigen Texturen auf. 46 Zoll und ca. drei Meter Abstand: Die Perfekte Kombination um nicht die schmutzigen Details sehen zu müssen. Dafür ist das Bump-Mapping und das Charakterdesign umso gelungener – Connor ist der phänotypisch bestmodelierte Assassine der Reihe, auch wenn die Ubis noch etwas am Charaktertiefgang hätten feilen können. Der Kerl wirkt etwas flach, auch wenn seine Motive klar sind – wahrscheinlich wurde hier etwas zu tief in die Stereotypenkiste gegriffen.

Angriff – Blocken – Tomahawk ins Gesicht.

Zusätzlich zur neuen Engine wurde das Kampfsystem auf den neuesten Stand gebracht. Ähnlich wie bei Batman Arkham City, The Amazing Spider-Man oder Sleeping Dogs gibt es jetzt ein dynamisches Kampfsystem inklusive der Möglichkeit, gegnerische Angriffe abzublocken. Das funktioniert mal besser, mal weniger gut, alles in allem gefällt es aber ganz gut und macht es dem Spieler möglich, auch etwas größere Gegnergruppen von circa zehn bösen Buben problemlos zu besiegen. Die Fähigkeit Connors, beidhändig auszuteilen kommt hier sehr gelegen. Versteckte Klingen, Tomahawk, Pfeil und Bogen, Muskete… die Kampfstile des jungen Herren variieren von Waffe zu Waffe und sind absolutes Eyecandy, auch wenn die Kameraeinstellungen zum Teil etwas verwirrend sind, besonders wenn freundlich gesonnene Mitstreiter dem Kampfgeschehen beiwohnen. Verwechslungsgefahr!

Wer die Vorgängerteile spielen durfte, der hat ganz klar das spaßigste Element von Assassin’s Creed erfasst: Das Klettern. Die Entwickler haben drei Jahre getüftelt und sich auch hier eine schwerwiegende Neuerung ausgedacht: Bäume. Klingt blöd, ist aber total geil. Nicht nur Häuser, Türme und andere, von Menschenhand erschaffene Gebilde können nun erklommen werden, ein Großteil der Story spielt in der Nähe von Connors Heimatdorf, mitten im Wald. Steine, Felsen, Flüsse und vor allem: Bäume. Das Rumklettern in der Pampa macht nicht nur Spaß, es sieht auch noch atemberaubend gut aus. Und während man in der Botanik rumspringt merkt man, dass Ubisoft auch hier Hand angelegt hat – die tollen, Parcours-ähnlichen Bewegungen sind dem Charakter nun noch einfach zu entlocken, denn das Free-Run-System wurde runderneuert. Ein Herunterfallen aus großen Höhen ist nicht mehr ohne Weiteres möglich; Dieser Vorgang muss explizit eingeleitet werden. Außerdem benötigt das freie Klettern nicht mehr das Drücken mehrerer Tasten, sondern wird automatisch durch „Laufen“ initiiert. Sehr praktisch, denn auch die Wegfindung an unübersichtlichen Stellen wird so erleichtert. Daumen hoch, Ubi!

Der Tradition folgend, dürfen auch in diesem Teil die Minigames nicht fehlen. Diesmal (glücklicherweise) kein Tower Defender, dafür aber Dame, Mühle und andere Brettspiele. Ja. Das ist ernst gemeint. Mein Assassine spielt gegen einen Dorfbewohner Dame. Dagegen wirken die Seeschlachten fast schon aufregend. Schnarchend mit dem Holzkahn feindliche Schiffe abballern ist in etwa so aufregend wie Bingoabend im Altersheim. Glücklicherweise ist das alles optional, so dass niemand gezwungen wird, irgendetwas abseits der Hauptmissionen zu erledigen. Echte Fanboys wie ich quälen sich allerdings auch durch navalen Dummfick und spielen frustriert Mühle gegen den Computer.

Fazit

Trotz der offensichtlichen Schwächen ist Assassin’s Creed III „total gut“. Also nicht nur aus fanatischer Sicht. Es macht einfach Spaß, sich durch Wälder und Städte zu kämpfen und herumzuklettern wie ein Affe auf Speed. Das „Aufspüren und Jagen“-Feature ist mehr als überflüssig und kommt glücklicherweise sehr selten zum effektiven Einsatz. Dafür ist das neue Fighting- und Free-Run-System umso besser gelungen und hebt die Serie so auf eine neue Ebene. Mein persönliches Spiel des Jahres.

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Assassin’s Creed III was last modified: November 8th, 2012 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.