Im Jahre 1979 erschuf Regisseur Ridley Scott ein Meisterwerk des Gruselkinos indem er mit den Grundängsten des Menschen spielt. Dunkle, enge Gänge, eine kalte, unwirtliche Umgebung und stets den Tod – in seiner hässlich-schönsten Form – im Nacken. Dabei baut Scott über einen dermaßen langen Zeitraum Spannung auf, dass sich der Zuschauer die Katharsis durch das erstmalige Erscheinen des berühmten außerirdischen Gegenspielers aus der Zeichenfeder H.R. Gigers, fast schon herbeiwünscht.

AliensColonialMarinesBoxGenau diesen Ansatz verfolgen die Jungs und Mädels von Creative Assembly. Entgegen vieler bisheriger Alien-Games, wird hier der Tenor des Films nicht auf stumpfes Herunterballern und Akkord-Zerspratzen rauer Alien-Massen heruntergebrochen. Auf alle Ewigkeit eingebrannt in die Erinnerungssynapsen erwartungsvoller Videospieler, erscheint hier umgehend das Gearbox-Desaster von 2013 – Aliens: Colonial Marines – vor dem geistigen Auge. Umso verwunderlicher, dass ebenfalls Sega für den jüngsten Streich um die zweimundigen Extraterrestrischen – Alien: Isolation – die Verantwortungskeule schwingt. Wird mit einem anderen Studio und einem völlig neuen Konzept jetzt wieder alles gut?

„Hier spricht Ripley, letzte Überlebende der Nostromo. Ende der Durchsage.“

amandaAmanda Ripley, Tochter der Filmfigur Ellen Ripley, die konstant – ob in geklonter oder natürlicher Form – den Protagonisten der Alien-Streifen darstellt, bekommt die Chance, einen Hinweis auf den Aufenthaltsort ihrer Mutter zu erhalten. Diese ist nämlich verschollen (Filmfreunde wissen, dass wir uns zeitlich irgendwo nach dem ersten Film aufhalten. Ellen Ripley liegt im Kälteschlaf und ihre Tochter – kennt man zumindest aus Erzählungen aus den Filmen – ist zu einer erwachsenen Frau geworden), auf einer Raumstation soll sich allerdings der Flugschreiber der Nostromo befinden.

xenomorphRipley lässt sich selbstverständlich nicht zwei Mal bitten, auf eine Mission mitzukommen. Leider kommt es alles genau so, wie man sich das als Spieler vorstellt: Die Station schwebt beschädigt im All und Ripley erreicht mit viel Glück als einzige Person des Trupps das Innere. Und so begibt sich der Spieler auf den Weg durch die scheinbar verlassene Raumstation. Wohlgemerkt: Scheinbar. Denn nicht nur Gruppen von Überlebenden, die über das gesamte Konstrukt verteilt sind, sind eine tödliche Bedrohung für die junge Ripley, sondern auch das zu erwartende Alien, welches – dem Credo des ’79er-Streifens folgend – erst nach circa 1,5 Stunden ingame zum ersten Mal tatsächlich zu sehen ist.

savepointDies ist allerdings auch der Zeitpunkt, an dem der Frust anfängt. Von nun an geht das große Sterben los und Alien: Isolation verwandelt sich in einen beinharten Überlebenskampf. Der Kniff daran: Es muss manuell an dafür vorgesehenen Speicherstationen gesichert werden – kein Autosave, kein Auffangbecken an schwierigen Stellen. Das hat natürlich, trotz der ausgewogenen Platzierung dieser Stationen, den Nachteil, dass mitunter viele Minuten kniffligen Gameplays erneut gespielt werden müssen, was natürlich auf der einen Seite kräftig an der Frustgrenze knabbert und zum anderen intensive Situationen, beispielsweise verursacht durch Spannungsaufbau oder unerwartete Jumpscares, durch das erneute Spielen stark abschwächt.

Im Weltraum hört dich niemand schleichen.

Beim Wandeln durch die beengenden Gänge der Raumstation ist es oft – fast zu oft – wichtig, leise zu sein, damit etwaige Bösewichte oder gar das Alien, nicht auf den Spieler aufmerksam werden. Dazu muss man gehockt schleichen, was das Bewegungstempo stark verlangsamt und somit das Spannungsmoment beim geräuschlosen Durchqueren gegnergefluteter Räume stets aufrecht erhält.

Munition ist ein knappes Gut auf der Station. Lediglich alle paar Jubeljahre findet Ripley Kugeln für ihren Revolver, der selbstverständlich gegen ein drei Meter hohes Alien relativ wenig anrichtet. Menschenmordende Androiden, die geisterhaft mit leuchtenden Augen durch die Räume streifen, vertragen mehr Blei, als dem Spieler lieb ist. Das indirekte Belohnungssystem des Spiels bestraft also gedankenlose Sprintler, die geräuschvoller durch die Gänge poltern als ein Leopard II.

Hommage an 1979

employeesAlles in Alien: Isolation sieht aus, wie frisch dem geistigen Schoße Scotts entrissen. Ob das nun die metallenen Gänge der Raumstation, ihre Computerkonsolen inklusive Röhrenmonitoren oder die optische Ähnlichkeit der Protagonistin mit ihrer filmischen Mutter ist – eine digitale Zeireise in die Weiten des Alls. Zwar ist das Alien um einiges größer als man es kennt, an dessen Lautlosigkeit und am eigenen inneren Zwiespalt, ob man den Xenomorph nun wunderschön oder zum Weglaufen hässlich finden soll, hat sich nichts geändert.

Dabei sieht das Spiel absolut fantastisch aus, „sogar“ auf Großmutter 360. Lichteffekte, Rauch, Geometrie – hier wirkt nicht nur alles wie aus einem Guss, sondern erzielt genau den atmosphärischen Effekt, den die Entwickler wohl im Hinterkopf hatten. Grandios. Ich fragte mich beim Spielen ständig, was die Macher wohl hätten rausholen können, hätten die „alten“ Konsolen nicht berücksichtigt werden müssen. Selbst in den ersten Minuten, in denen der Spieler alleine in den dunklen Tunneln der Raustation herumkriecht, und nicht ein Gegner in der Nähe ist, kommt das Gruselgefühl voll auf. Es knarzt, knackt und rumpelt aus allen Richtungen – Spieler, die den Titel in Surround-Sound erleben können, werden sich wohl des Öfteren panisch umdrehen, selbst, wenn eigentlich keine Gefahr droht.

Sie sind in den Wänden!

motionAuch ein alter Bekannter, der in Colonial Marines eher aus Mangel an Ideen verbaut wurde, feiert ein Comeback: Der Motion-Sensor. Das kleine Gerät verrät dem Spieler diesmal nicht nur, in welcher Richtung eine Bewegung passiert, sondern auch grob, wo sich das Missionsziel befindet. Das hat den Vorteil, dass man nicht ständig die Karte öffnen muss und somit den Spielfluss unterbricht. Kleines Gimmick: Während man auf den kleinen Bildschirm des Gadgets schaut, wird der Rest des Blickfelds unscharf. Per Tastendruck kann man den Fokus ändern und den Sensor unscharf schalten. Das beklemmende Gefühl, das hierbei aufkommt, ist unbezahlbar und wieder als Hommage an 1979 zu sehen.

79hommageDie Story könnte ebenfalls den Spätsiebzigern stammen – Die typische Rein-Raus-Mentalität wie man sie aus dieser Zeit gewohnt ist. Dabei bedient sich Alien: Isolation leider viel zu oft der Technik des Backtrackings, wenn auch nicht in einem Maße, wie Bioshock Infinite es zelebriert. Ripleys Ziel, die gruselige Raumstation zu verlassen, werden immer wieder Steine in den Weg gelegt; Immer wieder neue Zwischenmissionen des linearen Gameplays schieben sich vor und lassen den Spieler mehr als ein Mal daran zwiefeln, ob das Spiel überhaupt ein Ende hat. Die stereotypischen Sidequests bleiben dem Spieler hierdurch erspart, stets steht lediglich eine einzige Aufgabe im Vordergrund, was sowohl die Verwirrung, als auch den Drang, jede Nebenmission zu erfüllen auf Null setzt.

Alles in Allem: Wow. Hätte ich nicht erwartet, erst recht nicht, nach der etwas trägen Präsentation auf der diesjährigen gamescom (darüber könnt ihr hier lesen). Aber nachdem ich mich selbst durch die engen, dunklen Gänge der heimgesuchten Raumstation quälte und einen kleinen Tod nach dem nächsten starb, bin ich froh, dass Joe’sche Seal of Approval vergeben zu dürfen. Sega wird sich zwar niemals wieder aus den kalten Vorurteilsgriffeln winden können, die Colonial Marines auf alle Ewigkeit um die Glaubwürdigkeit des Unternehmens geschlungen hat, für eine gewisse Zeit allerdings konnte ich das Desaster vergessen und erneut Hoffnung für Games aus den Untiefen von Film-Franchises hegen. Danke!

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Alien: Isolation was last modified: Oktober 11th, 2014 by Joe Uessem

Besonderes Kennzeichen: Enorme Bauchmuskeln. Mag Ballerspiele, Actionfilme und lange Spaziergänge am Strand. Zu seinen Hobbies zählen Stricken und Pferdebilder sammeln. Sein Lieblingsvideospielheld ist der Lange von Tetris.